Offizielle Verlautbarungen

»Wir wollen Menschen zu Nachfolgern Christi machen«

24.06.2018

alle Fotos: A. Fergusson

nac.today: Stammapostel Schneider, immer wieder werden Stimmen laut, die eine klare Positionierung und strategisches Vorgehen der Neuapostolischen Kirche einfordern. Sie haben in vielen Ihrer Gottesdienste immer wieder einige Punkte dazu genannt. Können Sie uns hier noch einmal in wenigen grundlegenden Sätzen sagen, wie Sie die Aufgabe der Apostel und auch der Kirche verstanden wissen wollen?

Stammapostel Schneider: Ja gern. Für mich ist klar, dass Jesus Christus seine Kirche regiert. Er gab seinen Aposteln Auftrag, das Evangelium in aller Welt zu predigen, Menschen zu Jüngern Christi zu machen und ihnen die Sakramente zu spenden. Sie sollen die Brautgemeinde auf die Wiederkunft des Herrn vorbereiten.

Eine wichtige Aufgabe des Stammapostels und der Apostel sehe ich deshalb darin, strategische Leitlinien und Handlungsfelder zu definieren, damit das Apostolat diesen Auftrag gemäß dem Willen des Herrn erfüllen kann.

 

Das klingt noch sehr allgemein. Welche strategischen Leitlinien sind das? Wie und wohin soll sich die Neuapostolische Kirche in den nächsten Jahren entwickeln?

Wir richten unser Handeln nach mehreren Zielen aus. Unser oberstes Ziel ist es, das Evangelium Jesu Christi treu und gewissenhaft in aller Welt zu predigen. Das bedeutet für uns als Apostel:

  • Wir wollen darauf achten, dass Jesus Christus und nicht die Institution oder eine Persönlichkeit den ersten Platz einnimmt.
  • Wir wollen die neuapostolische Lehre auf der Basis der Bibel definieren. Dies ist der Zweck unseres Katechismus. Er beschreibt klar und strukturiert die weltweit gültige Lehre der Neuapostolischen Kirche.
  • Wir wollen darauf achten, dass die Predigt mit der biblischen Botschaft und der Lehre übereinstimmt.
  • Wir wollen dem Vorrang geben, was für das Heil der Gläubigen ausschlaggebend ist. Kirchliche Traditionen mögen noch so ehrbar sein, aber sie sollen doch nie so wichtig werden wie die eigentliche Botschaft des Evangeliums. Wir wollen klar zwischen der Botschaft des Evangeliums und den Regeln der Kirche oder örtlichen Traditionen unterscheiden.
  • Nicht zuletzt wollen wir dafür sorgen, dass alle neuapostolischen Kinder auf der ganzen Welt Zugang zu einem guten, ihren Bedürfnissen und den lokalen Verhältnissen angepassten kirchlichen Unterricht haben sollen.

Von diesem Fokus auf das Evangelium Jesu Christi wollen wir unser gesamtes kirchliches Handeln bestimmen lassen.

 

Christliche Bildung für Kinder und junge Erwachsene – das ist ein wichtiger Aspekt. Was tut die Kirche, um dieser Herausforderung gerecht zu werden?

Wir sind eine Weltkirche und überall in der Welt gibt es neuapostolische Gemeinden. Ich möchte, dass wir die Kinder- und Jugendarbeit im Blick behalten. Es ist ein lohnenswertes Ziel, sich der zukünftigen Generation zu widmen. Vor allem gilt: die jungen Gläubigen sollen die Bibel kennen, um die neuapostolische Lehre Bescheid wissen und müssen sich in ihren lokalen Gemeinden angenommen und wertgeschätzt fühlen. In den kirchlichen Unterrichten lernen sie die Theorie, im Gemeindeleben die Praxis eines glücklich machenden Glaubensalltags.

 

Menschen zu Jüngern des Herrn zu machen – was meinen Sie damit?

Ich will das so beschreiben: Wir wollen, dass die Menschen Jesus Christus nachfolgen. Als Apostel können wir dazu einen entscheidenden Beitrag leisten. Die Liebe zu Jesus Christus und der Glaube an seine Lehre sollen in alle Richtungen ausgestrahlt und gefördert werden. Natürlich gibt es Grenzen für dieses Handeln, aber die setzt Gott selbst:

  • Er hat dem Menschen die freie Wahl der Entscheidung gelassen. Glaube ist ein Geschenk Gottes an den Menschen. Der Mensch muss nach diesem Geschenk Verlangen haben und es annehmen. Wir können niemand zwingen, den Herrn zu lieben. Was wir aber tun können ist, unseren Nächsten dazu zu ermuntern, ihm nachzufolgen.
  • Das Evangelium ist die absolute Wahrheit; wir können es nicht dem Geschmack der Leute anpassen. Gott verlangt von uns, dass wir es unangetastet und rein verkündigen.
  • Und schließlich wollen wir darauf achten, dass das von Gott angebotene Heil bis zur Wiederkunft Jesu für alle zugänglich bleibt.

 

Das Festhalten an dem immer gültigen Evangelium ist also das Entscheidende. Bleibt dann überhaupt noch Raum für Veränderungen?

Nun, Veränderungen müssen sein und geschehen ja immer wieder, auch in unserer Kirche. Was den Glauben betrifft, bietet das Evangelium des Herrn alles, was der gläubige Mensch braucht.

Unsere Aufgabe besteht darin, Menschen zu Jüngern des Herrn und nicht zu Mitgliedern der Kirche zu machen.

Wir erfüllen sie indem wir dafür sorgen, dass Menschen sich in der Kirche wohlfühlen, dass sie die Liebe Gottes und die Freude, Gott und anderen dienen zu dürfen, erleben und Lust verspüren, ihr Leben nach dem Evangelium auszurichten. Das ist unser Leitbild! Und das ist meiner Ansicht nach auch völlig ausreichend.

Es gibt ja auch Gegenbeispiele: Einige Gemeinschaften drohen mit typischen Untergangsszenarien und sagen eine fürchterliche Zukunft voraus. Im gleichen Atemzug schlagen sie Lösungen für eine Verbesserung der Situation vor. Andere versuchen, Menschen mit Musik, Tanz, Sensationen, Emotionen oder materieller Unterstützung in die Kirchen zu locken. Da gibt es immer wieder neue Angebote. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass diese Methoden vielleicht dazu beitragen können, den Besuch der Gottesdienste zu erhöhen, ein tiefer Glaube an das Evangelium wird so jedoch nur selten erzeugt.

 

Warum betonen Sie das erst heute? War das früher nicht so wichtig?

Doch, das war und ist immer noch wichtig. Früher, als unsere Kirche am Anfang ihrer weltweiten Entwicklung stand, legten wir den Schwerpunkt mehr darauf, über die Einheit der Kirche zu wachen. Wir hielten die Gläubigen dazu an, sich nach einem „apostolischen Muster“ in Sachen Musik, Kleidung, Lehrmethoden oder auch Organisation auszurichten. Heute wissen wir, dass dieses Vorgehen nicht optimal war und bemühen uns, den kulturellen Unterschieden mehr Rechnung zu tragen. Der neuapostolische Glaube lässt sich innerhalb der unterschiedlichsten Kulturen leben!

 

Wie aber lassen sich solche Unterschiedlichkeiten konkret in strategische Planungen einfügen?

Ich möchte zwei Beispiele nennen:

In den afrikanischen Gebietskirchen sind etwa 85 Prozent unserer neuapostolischen Mitglieder zuhause. Sie sind unserer Ansicht nach mit fünf größeren Herausforderungen konfrontiert:

  1. Hunderte von evangelikalen Gemeinschaften haben einen großen Anziehungseffekt auf die Menschen. Wunderheiler haben Zulauf.
  2. Auch islamische Gruppen wachsen und missionieren ihre Umgebung, zum Teil mit rigiden Methoden.
  3. Insbesondere in den städtischen Gebieten kommt es zu einer immensen Verschärfung der sozialen Situation. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich rapide. Materialismus heißt hier der Gegner des Glaubens.
  4. Auf der anderen Seite müssen wir helfen, Bildungsangebote für die jungen Menschen zur Verfügung zu stellen und zu fördern. Afrika braucht Bildungsoffensiven.
  5. Nicht zuletzt ist die Frage nach den finanziellen Mitteln relevant. Ich möchte, dass wir es als Kirche schaffen, unsere Angebote aufrecht zu erhalten und auszubauen.

Diesen Herausforderungen müssen wir anders begegnen als etwa den Gegebenheiten im zentralen Europa. In Europa und Nordamerika sind wir mit einem Rückgang des Gottesdienstbesuches konfrontiert, was uns große Sorge bereitet. Die Ursachen dafür sind vielfältig, ich will nur einige wenige nennen: Die Gesellschaften um uns herum entwickeln sich immer mehr zu Gemeinschaften von Individualisten. Der Individualismus aber steht im Gegensatz zu einem Konzept von Gemeinde, in der alle gleichberechtigt sind. Auch der Bindungswille an Kirche und Gemeinde lässt nach. Verantwortungsvolle und ehrenamtliche Aufgaben ohne Gegenleistung sind nicht in Mode. Und vieles mehr.

Selbst auf die Gefahr hin, dass meine Äußerung auf Missfallen stößt, wiederhole ich sie: Es gibt kein Patentrezept! Weder können regelmäßige Änderungen an der Liturgie noch die brave von-Tür-zu-Tür-Mission oder große Werbekampagnen den Trend umkehren. Vorschläge dieser Art wurden sowohl in unserer Kirche als auch in anderen bereits zur Genüge ausprobiert. Zwar können einige dieser Maßnahmen örtlich und zeitbegrenzt gute Ergebnisse erzielen, den allgemeinen Rückgang am Interesse für kirchliche Angebote können sie aber nicht stoppen.

 

Das klingt bedrohlich. Was also ist zu tun, Ihrer Meinung nach?

Wir müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren. Es geht schließlich um das Seelenheil. Als wir unseren Katechismus erstellten, mussten wir Begriffe wie „Kirche Christi“ und „Erlösungswerk“ genauer definieren. Wir sagen: Die Kirche Christi besteht aus allen Gläubigen, die durch Taufe, Glaube und Bekenntnis dem Herrn Jesus Christus angehören. Zum einen ist es die Berufung der Kirche Christi, den Menschen das Heil und die Gemeinschaft mit Gott zugänglich zu machen und zum anderen den Raum dafür zu schaffen, Gott anzubeten und ihn zu loben.

Innerhalb dieser Kirche Christi ist das Erlösungswerk der Teil der Kirche, in dem die Apostel wirken. Ihre Aufgabe ist es, die Brautgemeinde des Herrn zu sammeln und auf die nahe Wiederkunft Jesu vorzubereiten. Diese Wiederkunft des Herrn ist ein hochwichtiges Ereignis und das oberste Ziel unseres Glaubens. Sie stellt jedoch nicht das Ende des göttlichen Erlösungsplans oder der Kirche Christi dar. Im Friedensreich wird die Kirche Christi ihre Aufgabe fortsetzen, damit alle Menschen durch den Glauben an Jesus Christus Heil erlangen können.

Auf dieser Basis wollen wir auch unsere Beziehungen zu anderen christlichen Kirchen entwickeln. Wir sind der Meinung, dass alle Christen ihre gemeinsame Aufgabe solidarisch erfüllen sollten, nämlich sich zu Christus zu bekennen und die Wohltaten Gottes in Wort und Tat zu bezeugen.

 

Der enge Bezug auf das Evangelium ist Teil Ihrer geistlichen Autorität als Kirchenleiter. Sie sind als Stammapostel aber auch oberster Repräsentant Ihrer Kirche. Wo sehen Sie Ihre Aufgaben, Ihre Spielräume innerhalb dieser Strategie?

Eine der Aufgaben des Stammapostels ist es, die Kirchenordnung festzulegen und folglich Struktur und Organisation der Kirche den heutigen Bedürfnissen anzupassen.

In unserer heutigen Welt ist es nicht mehr denkbar, dass eine weltweite Kirche wie unsere durch einen einzigen, auf sich allein gestellten Mann geleitet wird. Entscheidungen müssen viel eher kollegial getroffen werden. Es ist mir, wie bereits meinen Vorgängern auch, ein wichtiges Anliegen, die Bezirksapostelversammlung zu einem echten Leitungsorgan der Kirche zu formen. Jeder Teilnehmer muss frei reden und zur Erarbeitung einer gemeinsamen Lösung beitragen können. Wir haben da schon viel erreicht, und ich bin sehr zufrieden.

Selbstverständlich aber benötigt eine kollegiale Leitung gewisse Regeln. Etwa die Anzahl der Bezirksapostel. Mit einem Gremium von 50 Bezirksaposteln lässt sich Kirche nicht leiten. Wenn die Bezirksapostel voll und ganz in die Leitung der Kirche involviert sein sollen, darf ihre Anzahl nicht zu groß sein. Deshalb haben wir zum Beispiel in Europa damit begonnen, die Zahl der Bezirksapostel zu reduzieren. Parallel dazu haben wir eine Koordinationsgruppe und ein Finanzkomitee eingerichtet. Diese bestehen aus einigen Bezirksaposteln, die im Auftrag der Bezirksapostelversammlung handeln und den Stammapostel in seiner Arbeit unterstützen.

Auch in den Gebietskirchen gibt es mittlerweile solche Ansätze. Im Lauf der vergangenen Jahre wurden Rolle und Entscheidungsbefugnis der Leitungs- und Kontrollorgane (Landesvorstand, Landesversammlung usw.) klar definiert und gegebenenfalls verstärkt. In manchen Gemeinden wurden Gemeindegremien eingesetzt und Gemeindemitglieder in die Organisation gewisser Gemeindeaktivitäten eingebunden. Solche Lösungen werden sich wohl in Zukunft noch entwickeln und vermehren.

 

Nun ist die Neuapostolische Kirche aber auch eine „Amtskirche“. In ihr spielt das Amt eine wesentliche Rolle. Gibt es auch hier grundlegende strategische Überlegungen für eine Weiterentwicklung?

Ja. Zurzeit denken die Apostel über eine neue Organisation innerhalb der Amtshierarchie der Kirche nach. Unsere Ziele sind,

  • unser Verständnis von „Amt“ zu definieren, indem wir uns auf den biblischen Befund stützen, ohne uns in den Bann von Auslegungen ziehen zu lassen. Die berufen sich eher auf die Tradition als auf die eigentliche Exegese.
  • die Ausübung der bei der Ordination von Gott übermittelten Amtsvollmacht klar von den organisatorischen Verantwortungen zu trennen.
  • die Kompetenzen der Gläubigen unabhängig vom Amt aufzuwerten.
  • unsere Struktur den heutigen Bedürfnissen anzupassen, indem wir sie effizienter, nachvollziehbarer und flexibler gestalten.
  • die Unterweisung/Fortbildung allgemein einzuführen
  • und – ganz allgemein gesagt – den Schwerpunkt auf den Begriff „Dienst/dienen“ zu legen.

 

Die Kirche hat viele Herausforderungen, steht vor großen Aufgaben. Hält sie das finanziell aus? Wie sieht die finanzielle Lage der Kirche aus?

Wir führen seit etlicher Zeit eine gründliche weltweite Untersuchung unserer Finanzen durch. Wir sind entschlossen, unsere Arbeitsweise zu optimieren, um Kosten zu reduzieren. Dort, wo es möglich ist, legen wir zum Beispiel Dienststellen der Kirchenverwaltungen zusammen. Ebenso haben wir unsere Kirchenbaupolitik angepasst: In Afrika zum Beispiel bauen wir keine Großkirchen mehr, deren Unterhaltungskosten für die kommenden Generationen kaum noch aufzubringen sein würden. In anderen Regionen passen wir die Anzahl der Kirchen und Gemeindestandorte an unsere aktuellen Bedürfnisse an. Schließlich werden Bau und Unterhalt überall immer teurer.

 

Die europäischen und nordamerikanischen Gebietskirchen sind die Geberkirchen. Sie unterstützen die meisten Gemeinden in aller Welt. Wie wird sich das entwickeln?

Ich hoffe, gut. Wir wollen aber im Unterscheid zu früher die Subventionen an die örtlichen, finanziell nicht selbsttragenden Gebietskirchen eher projektbezogen gestalten. Die finanzstärkeren, spendenden Gebietskirchen sollen klar definierte Projekte finanzieren und damit als globale Zuschüsse leisten. Selbst wenn in etlichen Ländern die finanzielle Unabhängigkeit mittelfristig nicht absehbar ist, müssen wir unsere Bemühungen fortsetzen, um die örtlichen Ausgaben den Einnahmen anzupassen.

 

Stammapostel Schneider, haben Sie vielen Dank für dieses Interview.

 

Zusammengefasst noch einmal die wesentlichen vier Aspekte der Kirchenstrategie:

Jesus Christus hat seinen Aposteln Auftrag gegeben,

  1. das Evangelium in aller Welt zu predigen,
  2. Menschen zu Jüngern zu machen und ihnen die Heilshandlungen zu spenden,
  3. seine Braut zuzubereiten,
  4. seine Regentschaft in der Kirche auszuüben.

 

Ein Interview über Strategiefragen mit Stammapostel Jean-Luc Schneider

NAK von A-Z

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