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Zum Jahr der Bibel 2003: Die Geschichte des Kanons

21.01.2003

Zürich. Zum Kanon der christlichen Bibel gehören die Schriften des Alten und Neuen Testaments. Sie sind im Laufe der Jahrhunderte von gläubigen Männern geordnet und gesammelt worden und bilden bis heute die gültige christliche Bibel. Die Zusammenfassung der für den Glauben des Gottesvolkes verbindlichen heiligen Schrift zieht sich über einen sehr langen Zeitraum hin.

Was heißt Kanon?
Das griechische Wort Kanon ist ein Lehnwort aus den semitischen Sprachen, zu denen auch das Hebräische gehört. Es bezeichnet das Rohr in seiner Funktion als Werkzeug. Vor allem im Bauhandwerk bezeichnete dieses Wort den Maßstab oder das Lineal. Der griechische Philosoph Aristoteles übertrug Kanon auf den Menschen, indem er behauptete, der Verständige, der Weise sei für uns Kanon, also Vorbild und Richtschnur. Dieser Sprachgebrauch bürgerte sich in den folgenden Jahrhunderten in der antiken Philosophie ein. Mitte des 4. Jahrhunderts nach Christus wird von dem Kirchenvater Athanasius für die Bibel der Begriff Kanon gebraucht. Damit bezeichnet er die für die christliche Kirche verbindlichen heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments.

Die Bezeichnung "Altes und Neues Testament"
Die Bezeichnung Altes und Neues Testament für die beiden Teile der christlichen Bibel findet sich zuerst bei dem Kirchenvater Irenäus von Lyon um 180 nach Christus. Zunächst wurde das Alte Testament allgemein "die Schriften" genannt, dieser Name wurde ab Mitte des 2. Jahrhunderts auch für das Neue Testament benutzt.

Der Kanon des Alten Testaments
Das Alte Testament, das aus Gesetz, Propheten und Schriften besteht, war die Bibel Jesu und die der ersten Apostel. Es wurde im christlichen wie im jüdischen Gottesdienst gelesen und ausgelegt. Die älteste urchristliche Verkündigung des Evangeliums war in ihrem Kern alttestamentliche Schriftauslegung: Man war überzeugt, dass die heilige Schrift Israels auf Jesus Christus hinweist. Ganz so haben die alten Apostel die jüdische Bibel gelesen, weil sie von Jesus Christus gelehrt waren, dass die Schrift von ihm zeugt (vgl. Johannes 5,39).

Die jüdische Bibel
Das Urchristentum kannte ebenso wenig wie das Judentum einen abgeschlossenen Kanon, das heißt, was und was nicht verbindliche heilige Schrift sein sollte, war durchaus noch nicht festgelegt. Einen ersten eindeutigen Hinweis auf eine Sammlung heiliger Schriften findet sich im Buch Sirach um 200 vor Christus. Sirach erwähnt die fünf Bücher Mose, die Propheten Jesaja, Jeremia, Hesekiel sowie die zwölf kleinen Propheten (vgl. Jesus Sirach 42 - 49). Die neutestamentlichen Autoren jedoch zitieren durchaus Schriften, die später nicht zum Kanon gezählt wurden, wie zum Beispiel aus den Henoch-Büchern (vgl. Judas 14.15) oder aus einer bislang unbekannten Schrift (Jakobus 4,5).
Jesus und die ersten Apostel sprechen, wenn sie das Alte Testament meinen, in der Regel vom Gesetz und von den Propheten (so zum Beispiel in Matthäus 5,17) oder in Einzelfällen von Gesetz, Propheten und Psalmen (vgl. Lukas 24,44).
Innerhalb der jüdischen Gemeinde zog sich die Bildung eines verbindlichen und abgeschlossenen Kanons über viele Jahrzehnte hin. Nach Josephus Flavius, einem jüdischen Schriftsteller, besteht die jüdische Bibel aus 22 Schriften. Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus findet sich folgende Aufzählung der verbindlichen heiligen Schriften: die fünf Bücher Mose, Josua, Richter, Könige (worunter die beiden Bücher Samuel und die Königsbücher verstanden werden), Jeremia, Hesekiel, Jesaja, die zwölf kleinen Propheten, die als ein Buch gezählt werden, Rut, Psalmen, Hiob, Sprüche, Hoheslied, Klagelieder, Daniel, Ester, Esra, die Chronikbücher.

Das christliche Alte Testament
Die frühe Christenheit hat die Zusammenstellung der jüdischen Bibel nicht einfach übernommen. In den verschiedenen Kirchenprovinzen gab es zum Teil erhebliche Unterschiede in der Auffassung, was zum Alten Testament gezählt werden müsse und was nicht: Häufig wurde das Buch Ester abgelehnt, weil es Gottes Handeln überhaupt nicht beschreibt, dafür jedoch das Buch der Weisheit Salomos, Jesus Sirach, die Makkabäerbücher oder Judit und Tobias bevorzugt. Hieronymus wollte um 400 allein den jüdischen Kanon gelten lassen, doch konnte er sich nicht durchsetzen. In den orthodoxen und katholischen Kirchengemeinschaften fanden schließlich auch alle diejenigen Schriften, die Luther später als Apokryphen bezeichnet hat, volle Anerkennung (so die oben genannten Bücher Weisheit, Sirach etc.). In den katholischen Ausgaben des Alten Testaments stehen die Apokryphen neben den anderen Schriften, beispielsweise findet sich das Buch Tobias hinter Nehemia. Dagegen bilden in Luthers Übersetzung die Apokryphen einen Anhang zum Alten Testament, denn bei ihnen, so schrieb der Reformator, handelt es sich um "Bücher, so der heiligen Schrift nicht gleich gehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind". Insofern besteht in der Reihenfolge der einzelnen Bücher innerhalb der katholischen oder protestantischen Ausgaben des Alten Testaments ein erheblicher Unterschied.

Der Kanon des Neuen Testaments
Wie der Kanon des Alten Testaments so hat auch der des Neuen eine verwickelte und in vielen Fällen unbekannte Geschichte. An seinem Anfang stehen die Sammlungen der mündlich überlieferten Worte des Herrn. Sie hatten schon in neutestamentlicher Zeit die gleiche, wenn nicht eine höhere Autorität wie die alttestamentlichen Schriften. Ende des ersten und im Lauf des zweiten Jahrhunderts werden die Apostelbriefe gesammelt und als für den Glauben verbindliche Schriften angesehen. Vermutlich schon zu Anfang des 2. Jahrhunderts gibt es eine Sammlung von Briefen des Apostels Paulus. In den folgenden Jahrzehnten entsteht auch eine Zusammenstellung der vier Evangelien, die in den Gottesdiensten Verwendung findet.

Markion
Inzwischen hatte Markion aus Sinope in Kleinasien, um 144 eine eigene Gemeinde gegründet, für die er einen eigenen, fest abgegrenzten Kanon schuf. Er lehnte das Alte Testament ab, weil er darin das Werk eines bösen Gottes sah. Der Kanon des Markion bestand aus einer verkürzten Fassung des Lukasevangeliums sowie aus zehn ebenfalls verkürzten Briefen des Apostels Paulus. Die frühen Christen erblickten in Markions Unternehmen eine Verfälschung der ursprünglichen apostolischen Tradition; Markion wurde deswegen folgerichtig von der Kirche als Irrlehrer abgelehnt. Um für die Zukunft die apostolische Tradition aufzubewahren und weitergeben zu können, wurde es für die Kirche notwendig, einen eigenen Kanon zu schaffen. Doch zogen sich die Auseinandersetzungen darüber, ob das Johannesevangelium, der Hebräerbrief, einige Paulusbriefe, die Johannes- und Petrusbriefe oder die Offenbarung zum Neuen Testament gezählt werden sollten oder nicht, noch über viele Jahrzehnte hin.

Die Festlegung des neutestamentlichen Kanons
Erst 367 nennt der Kirchenvater Athanasius in seinem 39. Osterfestbrief das Neue Testament in seinem heutigen Umfang von 27 Schriften. Innerhalb der östlichen, also heute orthodoxen Kirchen war damit die Diskussion um den Kanon weitgehend beendet. Eine afrikanische Synode von 393 schloss sich der Meinung des griechischen Kirchenvaters an, und 405 betonte auch Papst Innozenz I. die Verbindlichkeit dieser Sammlung. Innerhalb der orthodoxen und katholischen Kirchen war damit die Gestalt des Kanons und seine Gültigkeit für die christliche Lehre und den Glauben nicht mehr umstritten.

Eine etwas andere Position verfocht Martin Luther, der innerhalb des neutestamentlichen Kanons eine gewisse Stufung und Wertung vornahm. Für ihn gehörten die Briefe des Jakobus, Judas, der Hebräerbrief sowie die Offenbarung des Johannes nicht zu den "rechten gewissen Hauptbüchern" des Neuen Testaments, deshalb wurden sie auch ans Ende der Briefsammlung gesetzt. Luthers Meinung fand weder bei den anderen Reformatoren noch in der später nach ihm benannten lutherischen Kirche Zustimmung. Luther ordnete die neutestamentlichen Briefe nach der Bedeutsamkeit für seine Theologie und wich damit von der bisherigen Tradition ab. In den katholischen Bibelausgaben des Neuen Testaments steht beispielsweise der Hebräerbrief gleich nach den Paulusbriefen und auf ihn folgt der Judasbrief noch vor den Petrus- und Johannesbriefen.

In der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit einer berühmten illustrierten Bibelausgabe, der Merianbibel.