Berichte aus aller Welt

Vortrag zur Entwicklungsgeschichte: "Suspekt, weil unpolitisch"

07.02.2003

Frankfurt <JJ>. "Alte und neue Zeit" - Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der Neuapostolischen Kirche" lautete der Titel eines Vortrags, den Bezirksevangelist Peter Johanning, Medienreferent der Neuapostolischen Kirche International, am 1. Februar 2003 im hessischen Rüdesheim gehalten hat.

Unter dem Motto "Rückkehr zur völkischen Religion? - Glaube und Nation im Nationalsozialismus und heute" hatte das Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt am Main Vertreter von verschiedenen Kirchen und interessierte Christen zu einer Akademietagung in den winterlich-verschneiten Rheingau eingeladen. Die Tagung fand in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Arnoldshain, der Katholischen Akademie Rabanus Maurus sowie den Referenten für Weltanschauungsfragen der evangelischen und katholischen Kirchen in einem ehemaligen Kloster, dem Haus Nothgottes, statt, das dem katholischen Bistum Limburg als Bildungsstätte dient.

Als ein "interessantes Unterfangen" bezeichnete es Peter Johanning, eine Kirche aus ihrer Entwicklungsgeschichte heraus zu erklären. Nach einigen Angaben über die Verbreitung und Mitgliederstärke fasste er kurz die Entstehung der Kirche seit dem Anfang der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts und die historische Entwicklung bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen. Die Trennung von der Katholisch-Apostolischen Kirche, die allmähliche Änderung der sozialen Herkunft der Gläubigen sowie das Entstehen eigener Umgangsformen innerhalb der damals noch jungen Kirche bezeichnete er als "Paradigmenwechsel".

"Konservativ, regierungs- und kaisertreu"

Die Stammapostel Fritz Krebs und Hermann Niehaus, die aus kleinen ländlichen Ortschaften stammten, charakterisierte Johanning als "konservativ, regierungstreu und fleißig". In der Zeit des Kaiserreichs habe die Neuapostolische Gemeinde "in einer nationalen und theologischen Zurückgezogenheit gelebt". Das offizielle Nationalbild der Kirche sei in diesen Jahren "eher kaisertreu geprägt" gewesen und habe "eindeutige Vorlieben für ein monarchistisches Vaterland" gehabt. Gleichwohl sei die Kirche in der Kaiserzeit bis auf wenige Ausnahmen recht unpolitisch tätig gewesen. Im Inneren habe sie sich ähnlich verhalten: "Die Treue zu Gott und seinen Gesandten ist oberste Maxime - Gottesstaat ist Theokratie, nicht Demokratie", sagte Johanning. Aus heutiger Sicht verwundere es nicht, dass während der Weimarer Republik der zehnte Glaubensartikel (Pflichten gegenüber der Obrigkeit) vorübergehend gestrichen und erst im Jahr 1932 wieder in den Katechismus aufgenommen worden sei.

"Existenzielle Fragen und Überlebensstrategien"

Mit Stammapostel Johann Gottfried Bischoff seien die Gläubigen dann "durch die schwere Zeit des Nationalsozialismus" gegangen. Erstmals sei die Kirche "mit existenziellen Fragen und Überlebensstrategien konfrontiert gewesen, wollte sie diese dunkle Zeit überleben". Der auch sonst in der Gesellschaft dieser Jahre zu beobachtende Zirkel aus Sprachlosigkeit - Anpassung - Widerstand und Aufklärung spiegle auch die innerkirchliche Auseinandersetzung mit dem Unrechtsregime wider, sagte Johanning.

Er verwies auf Pflichtbeiträge und Propagandaartikel mit nationalsozialistischem Tenor in der kircheneigenen Zeitschrift "Unsere Familie" und zitierte aus einem Artikel der Zeitschrift "Der Jugendfreund", wo es im Juli 1933 kurz nach der Machtergreifung Adolf Hitlers zum Thema "Untertanentreue" hieß, dass "die von Gott gegebene Obrigkeit im natürlichen Staat und Vaterland von den Untertanen dementsprechend erkannt und geschätzt werden soll".

Auch im Lehrbuch für den Religionsunterricht aus dem Jahr 1933 sei die Antwort auf die Frage: "Worin bestehen eines neuapostolischen Christen öffentliche Pflichten?" als Antwort genannt worden: "Sie bestehen den Menschen gegenüber in vorbildlicher Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit, in Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit, in Pflichttreue und Ehrlichkeit. Der Obrigkeit gegenüber in Untertänigkeit und Gehorsam, in der Entrichtung der staatsbürgerlichen Leistungen und in treuer, stiller Erfüllung der vaterländischen Pflichten".

Andererseits berichtete Johanning auch davon, dass etwa in den im Jahr 1933 erschienenen "Richtlinien für die Amtsträger der Neuapostolischen Kirche" den Amtsträgern ein politisches Handeln untersagt worden sei. Dieses Bekenntnis zur unpolitischen Arbeit der Kirche signalisiere die Idealvorstellung der Kirchenleitung, sich jeglicher politischer Stellungnahme zu enthalten, auch wenn die Realität hier und da anders ausgesehen habe, sagte der Medienreferent.

"Suspekt, weil unpolitisch"

Johanning erklärte, dass der Reichsführer SS und Chef des Sicherheitshauptamtes die Neuapostolische Kirche offenbar als eine "suspekte, nicht einzuordnende, weil unpolitische Bewegung" angesehen habe. Er zitierte aus dem im Jahr 1937 angelegten "Leitheft über die Neuapostolische Gemeinde e.V.", wo es hieß, die Neuapostolische Gemeinde sei "weltanschaulich wegen ihrer internationalen Einstellung und wegen ihres die Volksgemeinschaft zerstörenden Charakters als Gegner anzusehen".

"In diesen Zeiten, in denen es zeitweise Schließungen von Gemeinden oder die Verhaftung und Überwachung von Mitgliedern gab sowie die religiöse Betätigung insgesamt aufs Äußerste gefährdet war, hat sich Stammapostel Bischoff für den Weg der Anpassung, der ein Überlebensweg wurde, entschieden - aus lauteren Motiven.", sagte Johanning. Zu diesem Schluss komme auch die Anfang 1996 in der Zeitschrift "Unsere Familie" (Nr. 2, 1996) veröffentlichte offizielle Stellungnahme der Kirche.

Zusammenfassend sagte Johanning, die Entwicklungsgeschichte der Neuapostolischen Kirche sei wechselhaft verlaufen: "Aus dem Intellekt der englischen Katholischen-Apostolischen Kirche hin in den engen soziologischen Raum einer westfälischen Provinz, aus der liturgischen Vielfalt in eine nüchterne reformierte Kirchenstruktur, aus ökumenischen Grundsätzen in die theologische Zurückgezogenheit." Zudem sei die junge Kirche durch den entscheidenden Einfluss der gesellschaftlichen Dominanz des Deutsch-Nationalen an der Jahrhundertwende zu einer "deutschen Kirche" geworden.

In seinem Resümee räumte der Medienreferent ein, dass es insbesondere in den Zeiten vor den Weltkriegen nationale Tendenzen gegeben habe. Diese hätten jedoch weniger den Glauben, als vielmehr innerkirchliche Strukturen der Kirche beeinflusst. Weder Stammapostel Niehaus noch Stammapostel Bischoff seien politisch arbeitende Kirchenführer gewesen. Sie hätten keinerlei Einfluss auf Staatsbelange genommen - und hätten einen solchen wie auch immer gearteten Versuch wegen der geringen Größe der Kirche wohl auch kaum unternehmen können.

"Öffnung der Kirche - ein verheißungsvolles Signal"

Die anschließende Diskussion stand ganz im Zeichen der Neuapostolischen Kirche heute: Wie finanziert sie sich? Was ist der Grund für die erkennbare Öffnung nach außen in den letzten Jahren? Wie hat sich das innere Gefüge verändert? und ähnliche Fragen wurden gestellt.

Einige Vertreter der evangelischen und katholischen Kirchen bezeichneten es als ein "ermutigendes und positives Zeichen" und "verheißungsvolles Signal", dass sich die Neuapostolische Kirche der öffentlichen Diskussion stelle und die lange Zeit praktizierte Zurückgezogenheit mehr und mehr aufgebe. Bezirksevangelist Johanning bekräftigte die Absicht der Kirche, sich auch künftig dem gesellschaftlichen Dialog zu stellen und sich gegenüber den anderen Kirchen zu öffnen.

 
Der Vortrag "Alte und neue Zeit - Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der Neuapostolischen Kirche" ist auch als PDF-Dokument erhältlich.