Berichte aus aller Welt

Projekt "Neues Gesangbuch"

18.02.2003

Zürich. Fast 80 Jahre alt ist das Gesangbuch der Neuapostolischen Kirche. Wie ist es entstanden? Hat es Vorläufer gegeben? Woher stammen die Lieder, die seit Generationen gesungen werden? Lesen Sie den interessanten Artikel über die Geschichte des neuapostolischen Gesangbuches.


Die Geschichte des neuapostolischen Gesangbuches - ein Rückblick

Nur spärlich sind die Hinweise zum Gemeinde- und Chorgesang in den Gottesdiensten während der Anfangszeit der Neuapostolischen Kirche. Protokolle damaliger Apostelversammlungen gibt es nicht. Es fehlen auch konkrete Hinweise darauf, wer die Gesangbücher im vorletzten Jahrhundert zusammengestellt und bearbeitet hat.

Das erste bekannte Andachtsbuch von 1864, das Apostel Louis Stechmann vertrieb, enthält ein Weihegebet für Sänger und Organisten. Darin ist von Dienern und Dienerinnen die Rede, die mit geistlichen Liedern, Psalmen und Lobgesängen Gottes Namen ehren und die Gemeinde erbauen sollen. Es kann also davon ausgegangen werden, dass schon damals Gesang im Gottesdienst gepflegt wurde. Auch im Buch "100 Jahre Neuapostolische Kirche Hamburg" (1963) und in einigen Gemeindechroniken wird über Chöre und Blasorchester berichtet, die schon ausgangs des 19. Jahrhunderts bestanden.


Erste Liedersammlung

Das erste eigene Buch, in dem Lieder abgedruckt waren, tauchte - wie erwähnt - 1864 in Hamburg auf. Die Vermutung liegt nahe, dass es von Apostel Stechmann (1837-1911) mit nur wenigen Eingriffen aus der alten Ordnung übernommen wurde. Es nannte sich "Die Liturgie - Andachtsbuch zum Gebrauch bei allen Gottesdiensten der christlichen Kirche", Hamburg 1864, Druck von Ackermann und Wulff, zu beziehen durch Louis Stechmann in Hamburg.

Dieses Andachtsbuch ist kein Gesangbuch im eigentlichen Sinne. Es enthält auf 25 Seiten Bibellektionen für die täglichen Gottesdienste. Auf weiteren 291 Seiten werden genaue Angaben über den Verlauf von Gottesdiensten zu allen denkbaren Gelegenheiten gemacht. Den letzten Teil des Buches bilden "Der Psalter nebst einem Verzeichnis der beweglichen Festtage" und zwei "Psalmen-Tabellen". Aus dem Datum des Titelblattes: Hamburg 1863 geht hervor, dass "Der Psalter" der ältere Teil des Liturgie-Buches ist. "Der Psalter" umfasst alle 150 Psalmen, die für den Gemeindegesang eingerichtet wurden. Allerdings bleibt unklar, wie diese Psalmen vorgetragen werden sollten.


Andachtsbuch

Ein neues Buch "Die Liturgie" mit dem Untertitel "Andachtsbuch zum Gebrauch bei allen Gottesdiensten der apostolischen Gemeinschaft" erschien ohne Jahresangabe. Es war zu beziehen durch Friedrich Wachmann, Hamburg-Borgfelde. Es ist anzunehmen, dass Apostel Wachmann selbst dieses Andachtsbuch zusammengestellt und herausgegeben hat. Im ersten Teil des Buches sind 32 Lieder enthalten, die den Bedarf eines normalen Gottesdienstes decken. Die meisten dieser Lieder stammen aus dem evangelischen Liedgut und werden nach den bekannten Choralmelodien gesungen. Dazwischen sind liturgische Gesänge abgedruckt und immer wieder kurze Anweisungen für den Dienstleitenden. Weitere Lieder sind für die Festtage Advent bis Pfingsten vorgesehen. Wieder sind es bekannte Texte und Melodien.

Im zweiten Teil des Andachtsbuches werden zu den jeweils drei Liedern zur Taufe, Konfirmation und Trauung wieder Anleitungen zur Durchführung dieser Handlungen gegeben. Die weiteren Lieder des zweiten Teils werden zwar als "Lob- und Danklieder" ausgewiesen, es sind aber auch Lieder anderen Inhalts zu finden. Erst im dritten Teil, dem Anhang, tauchen Lieder der freikirchlichen Gemeinschaften auf.


Apostolisches Gesangbuch

Nicht mehr "Die Liturgie", sondern "Apostolisches Gesangbuch nebst einer kurzen Anleitung für den Gottesdienst" nannte sich die Liedersammlung, die Apostel Wilhelm Sebastian (1846-1912) herausgab. Es ist kein Erscheinungsjahr angegeben. Aus einer Anzeige in der Monatszeitschrift "Wächterstimmen aus Ephraim", 6. Jahrgang, Nr. 57, Mai 1900, lässt sich aber ein Erscheinen um oder vor 1900 ableiten. Dieses Gesangbuch enthält wesentlich mehr Lieder, nämlich 390, und wurde 1900 um einen Anhang von 131 Liedern erweitert. Die Lieder sind größtenteils anderer Art als die im Gesangbuch von Apostel Wachmann. Choräle und choralähnliche Lieder werden verdrängt vom Liedgut der Erweckungsbewegung und der freikirchlichen Gemeinschaften. Texte und Melodien werden aus deren Liedersammlungen übernommen. Sieht man sich die Texte der Gesangbuchlieder näher an, fällt auf, wie derb und unbekümmert man Textinhalte und Worte wählte. Die theologische Aussage muss man am damaligen Erkenntnisstand messen. Unüberhörbare Kampfstimmung schwingt in vielen Liedern mit.


Erste Notenausgabe

1900 erschien zur Textausgabe dieses Gesangbuches die erste Notenausgabe. Sie enthält 522 Lieder, also ein Lied mehr als die Textausgabe. Lied Nr. 522 "Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird" ist ein reines Chorlied, also eines, das nicht für den Gemeindegesang gedacht war.


Neuapostolisches Gesangbuch

Inhalt und Aufmachung dieses Gesangbuches konnten auf Dauer nicht befriedigen. So wurde in der Apostelversammlung am 27. Juli 1908 die Herausgabe eines neuen Gemeindegesangbuches beschlossen. Neben der Textausgabe, die im September 1909 mit 645 Liedern erschien, stand ab September/Oktober 1910 eine Chorausgabe mit zusätzlich 55 Liedern und 13 "liturgischen Gesängen" zur Verfügung. Zudem gab es ein "Melodienbuch" zum Gebrauch für Chordirigenten, Orgel- und Harmoniumspieler, wobei - bis auf wenige Ausnahmen - nicht umgeblättert zu werden brauchte.

Das Neuapostolische Gesangbuch von 1908 wurde sowohl in der Textausgabe als auch in der Notenausgabe mit aufschlussreichen Begleitworten (Vorworten) versehen. In beiden Ausgaben sind die Lieder schon geordnet wie im aktuellen Gesangbuch, nämlich in drei Sachgebiete: "A. Zu den Festzeiten, B. Gottesdienst, C. Gnadenmittel, Allgemeines."

Für unser heutiges Gemeindegesangbuch liegt kein genaues Datum der Beschlussfassung einer Apostelversammlung vor. Das Jahr 1925 wird als Erscheinungsjahr angegeben. Es enthält 652 Lieder. Als Ausgaben wurden angeboten: Die Textausgabe, sie erschien 1925; die Notenausgabe für gemischten Chor (kleine und große) und das Melodienbuch zum Gebrauch für Chordirigenten, Orgel- und Harmoniumspieler erschienen Mitte 1926.

Aus der Ausgabe 1908 wurden 396 Lieder übernommen, die auch fast alle unter der gleichen Nummer ihren Platz behalten haben. Neue Lieder stammen vorwiegend aus dem evangelischen Gesangbuch des Fürstentums Minden und der Grafschaft Rafensberg (Ausgabe 1893) und dem Gesangbuch für die evangelisch-christlichen Einwohner des Herzogtums Nassau.

Aber auch Lieder anderer Glaubensgemeinschaften wurden aufgenommen. Auch wurde vereinzelt wieder auf Lieder des Apostolischen Gesangbuches von Apostel Sebastian zurückgegriffen, die im Gesangbuch von 1908 nicht enthalten waren.

Wie bei den Vorläufern unseres heutigen Gesangbuches wurden auch hier die Texte teils recht kräftig gegenüber den Originaltexten geändert, um sie im apostolischen Sinne brauchbar zu machen. Manche Strophen wurden aus Originaltexten herausgenommen und zu neuen Liedern zusammengestellt.


Unser Gesangbuch ist fast 80 Jahre alt

Die Vorläufer unseres Gesangbuches wurden schon nach wenigen Jahren überarbeitet. Doch das Gemeindegesangbuch von 1925 ist nun schon fast 80 Jahre im Gebrauch.

Viele Lieder sind zu einem festen Bestand in unseren Gottesdiensten geworden, obwohl vom Standpunkt der Glaubenserkenntnis die Texte zum Teil nicht mehr tragbar sind. Schon Stammapostel Bischoff hatte beispielsweise empfohlen, das Lied Nr. 170 "Hört die Wächter in Zion" nicht mehr singen zu lassen: denn "aus Unkraut wird niemals Weizen!"

Die Lieder des Gesangbuchs sollen Würde ausstrahlen und eine heilige Atmosphäre schaffen. Wir singen sie ja zur Ehre Gottes. Etliche Melodien genügen diesen Mindestanforderungen an ein geistliches Lied aber nicht.

Stammapostel Richard Fehr hat aus diesen Gründen am 9. Dezember 1991 in Basel im Einvernehmen mit den Bezirksaposteln die Überarbeitung und Neugestaltung des Gesangbuches in Auftrag gegeben.