Berichte aus aller Welt

Zum Jahr der Bibel 2003

17.02.2003

Zürich. Die Geschichte der Bibel ist äußerst interessant. In mehreren Artikeln wollen wir im Bibeljahr 2003 Geschichten zur Geschichte veröffentlichen. Heute setzen wir die Reihe mit einem Artikel über die Merian-Bibel fort.


Die Merian-Bibel

<R.K./L.S.> Matthäus Merian wurde am 22. September 1593 in Basel als Sohn eines Ratsherrn und Sägemühlenbesitzers geboren. Nach dem Abschluss des Gymnasiums 1606 ging Merian bei einem Glasmaler in die Lehre. Vermutlich im Jahr darauf übersiedelte er nach Zürich. Dort erlernte er beim Kupferstecher Dietrich Meyer die hohe Kunst des Radierens. Merian entwickelte darin im Lauf der Zeit eine große Meisterschaft. Zunächst wurde er durch Radierungen bekannt, die Städtebilder und Landschaften zeigten. Seit 1610 war Merian in Straßburg beschäftigt, von dort zog er 1612/13 über Nancy nach Paris, wo er bei verschiedenen Verlegern arbeitete und studierte.

1615 kehrte er nach Basel zurück. Dort gestaltete er seinen großen Basler Stadtplan. Doch blieb Merian nur kurz in seiner Heimatstadt, schon bald zog es ihn in die Niederlande, der Hochburg der Kunst. Schließlich kam er 1616 nach Oppenheim und nach Frankfurt am Main. Dort arbeitete er für den Verleger Theodor de Bry und heiratete schließlich dessen Tochter Maria Magdalena. Immer wieder unternahm er Reisen in die Niederlande. In dieser Zeit lernte Merian den Schriftsteller Johann Ludwig Gottfried kennen, dessen Werke er später in einem eigenen Verlag verlegte.

1620 zog Merian nach Basel und erwarb dort das Zunftrecht und konnte sich daraufhin als Meister selbstständig machen. Hier schuf er einen wichtigen Teil seines Werkes, zum Beispiel über 250 kleinformatige Landschaftsansichten der Basler Region. Nach dem Tod seines Schwiegervaters im Jahr 1623 kehrte er nach Frankfurt zurück und übernahm dessen Verlag. Das Frankfurter Bürgerrecht erhielt er 1626. Von da an war er selbstständiger Verleger. In den folgenden Jahren schuf Merian wichtige Werke und hatte großen Erfolg mit der "Merianbibel", die 1630 erschien, und Johann Ludwig Gottfrieds "Weltchronik" und "Theatrum Europaeum" (1629-34).

1645 starb Merians Frau. Ein Jahr später heiratete er Johanna Sybilla Heim. Aus dieser Verbindung ging eine Tochter hervor, die berühmte Kupferstecherin und Naturforscherin Maria Sybilla Merian (1647-1717). Nach längerer Krankheit starb Matthäus Merian am 19. Juni 1650 in Bad Schwalbach. Sein ältester Sohn, Matthäus Merian der Jüngere, führte den Verlag weiter.


Warum Bibelillustrationen?

Schon seit dem frühen Mittelalter, also bevor es den Buchdruck gab, wurden die Bibelausgaben nicht nur mit Buchschmuck, sondern auch mit entsprechenden Bildern, so genannten Miniaturen, versehen, um die Heilsgeschichte zu illustrieren. In den Armenbibeln wurde auch denen, die nicht schreiben und lesen konnten, die biblische Geschichte durch Bilder nahe gebracht. Diejenigen Geistlichen, die sich eine Bibel nicht leisten konnten, griffen auf solche Ausgaben zurück.

In der Zeit der Reformation, im frühen 16. Jahrhundert, war man sich durchaus uneins darüber, ob die Bibel mit Bildern versehen sein dürfe oder nicht. Der schweizerische Reformator Ulrich Zwingli lehnte Bilder zur Belehrung der Gläubigen oder als Bibelschmuck rigoros ab, der Bibeltext sollte für sich allein stehen.

Völlig anders war Martin Luthers Haltung. Jede Ausgabe seiner Bibelübersetzung ließ er mit Bildern versehen. Damit stellte sich Luther in bewussten Gegensatz zu Zwingli, mit dem er auch noch an manch anderem Punkt in theologischem Streit lag. Durch Illustrationen, so war Luthers Position, werden die Erzählungen des Alten und Neuen Testaments deutlicher und vorstellbarer.

Der bedeutende Renaissancekünstler und sächsische Hofmaler Lukas Cranach d. Ä (um 1472-1553), ein Freund und Vertrauter Luthers, hatte bereits die Bibelübersetzungen und die Reformationsschriften, die Martin Luther herausgab, mit ausgezeichneten Holzschnitten versehen.

Ein interessantes Detail: Seit dem frühen Mittelalter zeigen die Bilder in den Bibeln nicht Menschen und Lebensumstände im biblischen Israel sondern in der jeweiligen Lebenswelt der Leser. Damit erschienen die biblischen Gestalten als Zeitgenossen der Menschen. Jedem Leser wurde so verdeutlicht, dass die biblischen Erzählungen nicht nur Geschehnisse einer vergangenen Zeit sind, sondern unmittelbar in das gegenwärtige Leben jedes Gläubigen hineingehören.


Die Merianbibel

Schon 1625 erschienen Merians Kupferstiche zur Bibel, die "Icones Biblica". In den folgenden Jahren schuf Merian eine große Anzahl von weiteren Stichen zum Alten und Neuen Testament, die schließlich in eine Bibelausgabe eingefügt wurden, die 1630 bei dem Verleger und Drucker Lazarus Zetzner in Straßburg erschien.

Diese Ausgabe steht bewusst in der Tradition der lutherischen Bilderbibeln, von daher verwendet sie auch Luthers Übersetzung und zwar in der Fassung von 1545. Die Kupferstiche Merians wurden in den biblischen Text fortlaufend eingefügt. An ihnen lässt sich also der Gang der biblischen Geschichte verfolgen, von der Schöpfung über die Erwählung Abrams und der Zeit der Propheten und Könige bis zur Menschwerdung des Gottessohnes bis zur Öffnung des siebenten Siegels.

Die Illustrationen der Merianbibel von 1630 sind schwarzweiß, doch gibt es auch drei Exemplare dieser Ausgabe, in denen die schwarzweißen Stiche von Hand koloriert wurden. Eines dieser Bücher befindet sich in der Württembergischen Staatsbibliothek in Stuttgart. Dieses Exemplar ist mit hellen, leuchtenden Pastellfarben ausgemalt worden, sodass der Charakter der Kupferstiche mit ihren durch feine Linie erzeugten Schattierungen ganz zurückgedrängt wird.


Wirkungen der Merianbibel

Die Merianbibel ist bis heute eines der bekanntesten Bücher aus dem frühen 17. Jahrhundert. Ihre Illustrationen dienten vielfach anderen Künstlern als Vorlage für Bilder, die sie für Kirchen schufen. Beispiele hierfür sind protestantische Kirchen in Frankfurt/Main, Speyer und Rhodt, deren Ausmalungen von der Merianbibel beeinflusst wurden.