Berichte aus aller Welt

Zum Jahr der Bibel: Die Bibel und die deutsche Literatur

31.05.2003

Zürich. Die Geschichte der Bibel ist äußerst interessant. In mehreren Artikeln wollen wir im Bibeljahr 2003 Geschichten zur Geschichte veröffentlichen. Heute setzen wir die Reihe mit einem Artikel über den Einfluss der Bibel auf die deutsche Literatur fort.

<R.K./L.S.> Kein Buch hat so sehr auf die deutsche Sprache und Literatur der vergangenen 400 Jahre eingewirkt wie die Bibel in Martin Luthers Übersetzung. Dabei ist sie selbst eines der großartigsten Werke der deutschen Literatur. Formulierungen aus Luthers Übersetzung sind sprichwörtlich geworden: "Hochmut kommt vor dem Fall" (Sprüche 16,18) oder "Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" (vgl. Sprüche 26,27).

Die bewusste literarische Auseinandersetzung mit der Bibel reicht von Klopstock über Goethe und den Romantikern bis zu Rainer Maria Rilke und Bertolt Brecht. Brecht erwiderte einmal auf die Frage, welches Buch ihn am meisten beeinflusst hätte: "Sie werden lachen, die Bibel."

Luthers Bibelübersetzung stellt die Grundlage für unser heutiges Deutsch dar. Der Reformator gestaltete eine Schriftsprache, in der nun eine anspruchsvolle Literatur verfasst werden konnte. So entstand eine deutsche Literatur, die den Vergleich zu den italienischen, französischen oder englischen Dichtungen nicht zu scheuen brauchte. Die ersten bedeutenden deutschen Dichter lebten im frühen 17. Jahrhundert. Hier sind die Dichter Johann Jacob Christoffel von Grimmelshausen (1622-1676 - "Der abenteuerliche Simplicissimus"), Andreas Gryphius (1616-1664) oder Angelus Silesius (1624-1677 - "Der Cherubinische Wandersmann") zu nennen.

Klopstocks "Messias"
Ein Meilenstein innerhalb der deutschen Literatur ist Friedrich Gottlieb Klopstocks (1724-1803) Epos "Messias", das zwischen 1748 und 1773 entstand. Der "Messias" stellt eine poetische Umsetzung wesentlicher Teile der Evangelien dar. Klopstock betrachtete den "Messias" als sein Hauptwerk. In ihm wollte er dem heilsgeschichtlichen Auftrag des Gottessohnes dichterischen Ausdruck verleihen.

Der "Messias" ist ein lyrisch-episches Gedicht von Christi Leiden, Tod, Eingang in den Bereich der Entschlafenen und triumphaler Auferstehung. Das Werk ist ein einziger Lobpreis der Gnade Gottes und der Erlösung der sündigen Menschheit durch Christi Opfertod. Damit wandte sich Klopstock entschieden gegen Tendenzen der Philosophie und Theologie der Aufklärung, in denen die Bedeutung des Opfertodes Jesu weitgehend bestritten wurde. Außerdem schrieb Klopstock auch Dramen, die auf alttestamentlichen Themen basieren, so "Der Tod Adams" (1757), "Salomo" (1764) und "David" (1772).

 

Johann Wolfgang von Goethe
Auch Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) hat die Bibel geschätzt und wurde von ihr beeinflusst. Allerdings sah er sie nicht als Offenbarungsurkunde an, sondern als poetisches Werk. In Goethes Gedichten, Romanen und Theaterstücken findet sich von daher eine Vielzahl von biblischen Zitaten oder Anspielungen. Eine der berühmtesten Szenen aus dem ersten Teil des "Faust", das "Vorspiel im Himmel" ist von Hiob 1,6-12 inspiriert. Im Hiobbuch erscheint der Satan vor Gottes Thron, um Hiob zu verklagen. Bei Goethe steht an Stelle des Satans Mephisto, während die Rolle Hiobs Faust übernimmt. In beiden Fällen lässt Gott das Wirken des Bösen zu, um seinen Knecht prüfen zu lassen.

 

Friedrich Hölderlin
Friedrich Hölderlin (1770-1843) wurde ebenfalls von biblischen Stoffen, besonders des Neuen Testaments, zu Dichtungen angeregt. Im Unterschied zu Goethe wollte er jedoch eine neue Religiosität fördern, in der sich biblische und antike griechische Vorstellungen miteinander verbanden. In der Elegie "Brot und Wein" thematisiert er das Heilige Abendmahl, in der Hymne "Patmos" spielt der Dichter unter anderem auf den Apostel Johannes, den Empfänger der Offenbarung, an. Obwohl Hölderlin ein inniges Verhältnis zu Christus hatte und ihn "Herr und Meister" nannte, ist er für ihn doch nicht der Erlöser der Menschheit und auch nicht der einzige Sohn Gottes.

 

Die Romantik
Die Verwendung biblischer Motive bei den Romantikern Novalis (1772-1801) und Clemens Brentano (1778-1842) orientiert sich, anders als es bei Hölderlin der Fall war, wieder deutlich am traditionellen Christentum. Viele Romantiker wollten eine Erneuerung des christlichen Glaubens, in der das Geheimnisvolle und Wunderbare der christlichen Botschaft wieder zu ihrem Recht kommen sollte.

Friedrich von Hardenberg, der sich als Dichter Novalis nannte, verarbeitete in seinen 1799 entstandenen "Geistlichen Liedern" zentrale Motive der Evangelien (z. B. Abendmahl, Kreuzigung): "Wer hat das Kreuz erhoben / Zum Schutz für jedes Herz? / Wer wohnt im Himmel droben, / Und hilft in Angst und Schmerz?"

Auch Clemens Brentano verstand sich ausdrücklich als christlicher Dichter. Hier sind vor allem die "Romanzen vom Rosenkranz" (1810) zu nennen, in denen der Versuch unternommen wird, ein christliches Weltepos zu gestalten.

 

Das Biedermeier
Annette von Droste-Hülshoffs (1797-1848) Gedichtzyklus "Das geistliche Jahr", 1851 erschienen, widmet jedem Sonntag und allen kirchlichen Festtagen des Jahres ein Gedicht. So wird die gesamte Lebensgeschichte Jesu Christi von der Geburt bis zu Tod, Auferstehung und Himmelfahrt thematisiert. Es handelt sich bei den Gedichten vielfach um lyrische Meditationen, die ein Wort aus den Evangelien zum Ausgangspunkt nehmen. Als Beispiel sollen die Eingangszeilen aus dem Gedicht "Am Gründonnerstage" zitiert werden:

"O Wundermacht, ich grüße! / Herr Jesus wäscht die Füße, / Die Luft ganz stille stand, / Man hört den Atem hallen / Und wie die Tropfen fallen / Von seiner heilgen Hand."

Friedrich Hebbel (1813-1863) ist heute vor allem noch als Verfasser von Dramen mit vielfach biblischem Inhalt bekannt. Erwähnt seien hier "Judith", das eine Dramatisierung des biblischen Juditbuches darstellt, oder "Herodes und Mariamne" und das Dramenfragment "Christus".

 

Rainer Maria Rilke
Rainer Maria Rilke (1875-1926) widmete einige seiner bedeutendsten Gedichte biblischen Personen oder Ereignissen der Heilsgeschichte. Es gibt Texte, die heißen "Klage um Jonathan", "Tröstung des Elia", "Jeremia" oder "Esther". Mit Gedichten wie "Kreuzigung" oder "Der Auferstandene" spielt der Dichter auf zentrale Ereignisse der Heilsgeschichte an. Mit dem "Marienleben" verfasste Rilke einen ganzen Zyklus, in dem biblische und legendäre Motive aus dem Leben der Mutter Jesu verarbeitet werden.

 

Romane nach biblischen Stoffen
Biblische Stoffe wurden nicht nur in Gedichten oder Dramen, sondern auch in Romanen verarbeitet. Der berühmteste und sicherlich auch umfangreichste dieser Romane stammt von Thomas Mann (1875-1955) und trägt den Titel "Joseph und seine Brüder". Manns Roman besteht aus vier Teilen "Die Geschichten Jaakobs" (1933), "Der junge Joseph" (1934), "Joseph in Ägypten" (1936) und "Joseph, der Ernährer" (1943). Der Ausgangspunkt dieses riesigen Romanwerks ist die Geschichte Josefs, wie sie in 1. Mose 37-50 erzählt wird. Thomas Mann bezeichnete die "Joseph-Romane" wiederholt als ein Werk des Exils. Wie Joseph ins Exil nach Ägypten gezwungen wurde, so erging es auch Thomas Mann: Er wurde gezwungen, Deutschland während der Naziherrschaft zu verlassen und ins Ausland zu gehen. Der Roman wird zum Spiegel der Zeit in einem biblischen Gewand.

Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist Stefan Heyms "Der König David Bericht". Stefan Heym (1913-2001), in Chemnitz geboren, emigrierte in den 30er Jahren. Nach dem Krieg kehrte er nach Europa zurück und übersiedelte in die DDR. Er zählt zu den erfolgreichsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur.

Mit seinem Roman über König David spielt Heym auf ein totalitäres, politisches System an. Die Willkür der Herrschaft wird vor allem anhand der Lebensgeschichte von David deutlich gemacht, die auch ihre Schattenseiten hat. Der Held des Romans, ein Schreiber namens Ethan, der den Bericht über David verfassen soll, rebelliert nicht offen gegen das System, sondern versteckt seine Kritik zwischen den Zeilen seines Berichts, um nicht seine Redlichkeit angesichts des Denkverbots zu verlieren.

 

Psalmen in der Lyrik des 20. Jahrhunderts
Angesichts der geschichtlichen Katastrophen innerhalb des 20. Jahrhunderts haben viele Autoren die so genannten Bußpsalmen zum Vorbild genommen, um ihre Verzweiflung und Trauer zum Ausdruck zu bringen. In den Gedichten Georg Trakls (1887-1914), Nelly Sachs