Berichte aus aller Welt

Zum Jahr der Bibel 2003: Die Weihnachtsgeschichte in den Evangelien

20.12.2003

Zürich. Die Geschichte der Bibel ist äußerst interessant. In mehreren Artikeln haben wir im Bibeljahr 2003 Geschichten zur Geschichte veröffentlichet. Heute beenden wir die Reihe mit einem Artikel über die Weihnachtsgeschichte in den Evangelien. Wir hoffen, dass unsere Artikelserie Ihnen Freude beim Lesen bereitet hat.

Die Weihnachtsgeschichte in den Evangelien
<R.K./L.S> Die Weihnachtsgeschichte ist uns allen geläufig. Aber welche Evangelien haben sie überliefert? Warum haben manche Evangelien keine Weihnachtsgeschichte? Was steht bei welchem Evangelisten? Fragen, die wir in unserem abschließenden Beitrag zum Jahr der Bibel beantworten.

Markus
Wer das Markusevangelium, das älteste uns überlieferte Evangelium liest, dem fällt auf, dass eine Geburtsgeschichte Jesu fehlt. Warum ist das so?

Markus ist der erste Evangelist, der Aussprüche Jesu und Berichte über seine Taten, sein Leiden, Sterben und Auferstehen in einer Schrift zusammenhängend erzählt. Sein Ziel war es nicht, das Leben Jesu von der Krippe bis zum Kreuz nachzuzeichnen, sondern Jesus von Nazareth als den Christus, den Sohn Gottes, darzustellen. Der Evangelist beschreibt, wie der Gottessohn predigend und Wunder wirkend in Israel umherzog, von den Römern gekreuzigt wurde und von den Toten auferstanden ist. Deshalb schreibt Markus zu Beginn seines Buchs: "Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes" (Markus 1,1). Dieser Satz kann geradezu als Zusammenfassung des gesamten Markusevangeliums verstanden werden.

Zentrum des Evangeliums ist die Leidensgeschichte Jesu. Die Ereignisse in und um Jerusalem nehmen fast die Hälfte des Buches ein. Das Markusevangelium wurde deshalb auch eine "Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung" (Martin Kähler) genannt. Von daher ist es nur verständlich, dass Markus kein besonderes Interesse an der Darstellung der Kindheit Jesu hatte, da sie für ihn nicht unmittelbarer Inhalt der Verkündigung des Evangeliums ist. Markus will den Glauben bekennen, dass Jesus für unsere Sünden gestorben und siegreich auferstanden ist. Und er will andere durch sein Buch dazu veranlassen, auch diesen Glauben anzunehmen.

Die beiden Evangelien nach Matthäus und Lukas haben nachweislich das Evangelium des Markus benutzt. Sie greifen aber auch auf andere Zeugnisse zurück und bieten jeweils eine Kindheitsgeschichte Jesu mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Matthäus
Matthäus will seinen damaligen Lesern und Hörern zeigen, dass Jesus Christus nicht nur Sohn Gottes (vgl. Matthäus 16,16), sondern auch wahrer Mensch ist. Deshalb berücksichtigt er die Überlieferungen zur Kindheit und zu den Eltern Jesu. Zugleich macht er deutlich, dass der Herr aus dem Volk Israel stammt und der erwartete Messias ist. Das Leben Jesu ist nach Matthäus eingebettet in die Geschichte des alten Bundesvolkes, deshalb wird auch immer wieder auf die Erfüllung alttestamentlicher Weissagungen hingewiesen. Bei Matthäus finden sich die meisten alttestamentlichen Hinweise und Zitate.

Dass Jesus seine Wurzeln im alten Bundesvolk hat, wird schon durch den Stammbaum deutlich gemacht, mit dem das Matthäusevangelium beginnt. Abraham ist Stammvater Jesu, ebenso wie David. Zudem teilt Matthäus mit, dass Jesus in Bethlehem, der Stadt, die eine enge Beziehung zu König David hat, geboren wurde. Jesus, so wird dadurch betont, ist der erwartete Davidssohn und König der Juden. Von der eigentlichen Geburt des Herrn berichtet Matthäus nichts, lediglich dass dies unter König Herodes († 4 v. Chr.) geschah.

Ihm, dem neugeborenen König der Juden zu huldigen, sind die Weisen aus dem Morgenland gekommen. Sie bringen ihm Geschenke, die auf seine königliche Würde hinweisen. Zugleich zeigt Matthäus aber auch, in welcher Gefahr das Jesuskind schwebt: Der König Herodes will das göttliche Kind töten lassen, weil er glaubt, es gefährde seine Macht. Doch wie einst Mose wird auch Jesus vor den Nachstellungen des weltlichen Herrschers bewahrt und gerettet, damit er seine Aufgabe erfüllen kann. Die Familie Jesu flieht nach Ägypten und kehrt nach dem Tod des Herodes zurück und übersiedelt nach Nazareth.

Lukas
Lukas versteht sich als Historiker nach dem Vorbild der antiken Geschichtsschreiber. Der Evangelist sammelt gewissenhaft die vorhandenen Jesusüberlieferungen und stellt sie in seinem Buch zusammen. Unsere Vorstellung von der Geburt Jesu sind vor allem durch das Lukasevangelium geprägt, während, wie schon erwähnt, Matthäus kaum etwas dazu zu berichten weiß, finden sich bei Lukas eine Vielzahl von Angaben. Und nicht nur die Umstände der Geburt Jesu werden erzählt, sondern auch die Johannes des Täufers.

Lukas betont den geschichtlichen Zusammenhang, in dem die Geburt Jesu stattfand. Er nennt den Kaiser Augustus, den Statthalter Quirinius und eine Steuerschätzung. Zentral innerhalb der eigentlichen Geburtsgeschichte ist das Erscheinen des Engels, der den Hirten auf dem Felde die frohe Botschaft mitteilt: "Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids" (Lukas 2,10-11). Überdies wird gesagt, dass das Kind in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt. Das königliche Kind kommt also nicht in Reichtum und Pracht zur Welt, sondern in Armut und Niedrigkeit. Das alles weist auf die Selbsterniedrigung des Gottessohnes hin (vgl. Philipper 2,5-11). Dieser König, der scheinbar machtlos erscheint, bringt doch den Frieden, den normalerweise der römische Kaiser zu bringen beansprucht.

Johannes
Das Johannesevangelium hat keine eigentliche Geburtsgeschichte. Johannes geht es nicht nur um die Betonung des wahren Menschseins Jesu, zu dem ja auch Geburt gehört, sondern er hebt sein göttliches Wesen hervor. Der Evangelist beginnt nicht mit einem Bericht, der die Umstände der Geburt Jesu schildert, sondern mit einem Prolog. In diesem Vorspruch verwendet der Evangelist die Sprache der griechischen Philosophie, um das Wesen des Gottessohnes seinen Zeitgenossen nahe zu bringen. Der Gottessohn ist das ewige Wort (der Logos) beim Vater, das Mensch wird: "Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit" (Johannes 1,14). So wenige Worte genügen dem Evangelisten, um die Geburt Christi zu beschreiben. Auch die Ablehnung, die der Gottessohn durch die Juden erfuhr, wird thematisiert: "Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf" (Johannes 1,11). Das Johannesevangelium lässt bewusst die Frage des Herkunftsortes Jesu offen: "Soll der Christus aus Galiläa kommen? Sagt nicht die Schrift: aus dem Geschlecht Davids und aus dem Ort Bethlehem, wo David war, soll der Christus kommen?" (Johannes 7,41-42). Dem Evangelisten kommt es nicht auf biographische Einzelheiten oder irdische Gegebenheiten an, bei ihm hat die Menschwerdung des Gottessohnes vor allen Dingen kosmische Dimensionen: Himmel und Erde, das All, die gesamte Schöpfung ist in das Geschehen um Christus einbezogen.