5.2.3 Nächstenliebe — die Liebe in der Gemeinde

Die Nächstenliebe soll sich insbesondere in der Gemeinde zeigen: „Jeder von uns lebe so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung" (Röm 15,2). Jesus lehrt: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe [...]. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh 13,34.35). Die Liebe der Nachfolger Christi zueinander ist also ein Erkennungszeichen der Gemeinde des Herrn.

Der Maßstab, der für ihre Liebe angesetzt ist, geht über die „goldene Regel“ in Matthäus 7,12 hinaus: Jeder soll den anderen so lieben wie Christus die Seinen. Diese Liebe zeigte sich in der ersten christlichen Gemeinde darin, dass die Menge der Gläubigen „ein Herz und eine Seele“ war (Apg 4,32). Allerdings wurden die Gemeinden immer wieder zu Versöhnlichkeit, Friedfertigkeit und Liebe gemahnt.

1. Johannes 4,7 ff. stellt das Gebot der Liebe untereinander in Zusammenhang mit dem Gebot der Liebe zu Gott. Der Apostel schildert die Erscheinung des liebenden Gottes zu den Menschen in der Sendung seines Sohnes und im Opfer Christi und folgert daraus: „Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.“ Er geht den Gedankengang konsequent weiter: Wer sagt, er liebe Gott, seinen Bruder aber hasst, ist ein Lügner. Daraus wird der Schluss gezogen: „Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“

Die Liebe zu Gott äußert sich demnach auch in liebevoller Hinwendung zu Bruder und Schwester in der Gemeinde, unabhängig von der Wesensart oder der sozialen Stellung. Apostel Jakobus bezeichnet es als unvereinbar mit dem „Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit", wenn innerhalb der Gemeinde Unterschiede gemacht werden. In welche Richtung auch immer Vorurteile in der Gemeinde gehen — sie verstoßen gegen das Gebot der Liebe zum Nächsten. Jakobus schließt daraus: „... wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde“ (Jak 2,1-9).

Die „Liebe untereinander“ bewahrt vor Unversöhnlichkeit, Vorurteilen, abschätziger Betrachtung einzelner Gemeindemitglieder. Verlangt schon das Gebot der Liebe zum Nächsten, dem Mitmenschen beizustehen und in Notsituationen zu helfen, so soll sich das vornehmlich in der Gemeinde beweisen: „Lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“ (Gal 6,10).

Die „Liebe untereinander“ ist eine besondere Kraft, die den Zusammenhalt in der Gemeinde festigt und Wärme ins Gemeindeleben bringt. Sie verhindert, dass Konflikte — die in jeder menschlichen Gemeinschaft auftreten — zu dauerhaften Auseinandersetzungen führen. Sie befähigt dazu, Bruder und Schwester so anzunehmen, wie sie sind (Röm 15,7). Auch wenn die Vorstellungen, Denkstrukturen und Verhaltensweisen von Gemeindemitgliedern den anderen unverständlich sind, führt das nicht zu deren Abwertung oder Ausgrenzung, sondern findet Toleranz.

Eine solche Liebe öffnet darüber hinaus den Blick für die Tatsache, dass der andere auch zu den Auserwählten Gottes, den „Heiligen und Geliebten“, zählt. Aus dieser Erkenntnis erwächst für alle die Aufgabe, einander mit herzlichem Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld zu begegnen. Ist Grund zur Klage da, wird Vergebung angestrebt nach dem Wort: „... wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“ Apostel Paulus gibt den Rat: „Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit“ (Kol 3,12-14).

Jede Ortsgemeinde kann unter dem Bild vom Leib Christi gesehen werden; der Einzelne, der zur Gemeinde zählt, ist ein Glied an diesem Leib. So sind alle Gemeindemitglieder miteinander verbunden und einander durch das gemeinsame Haupt verpflichtet: Gott hat den Leib zusammengefügt, damit die Glieder füreinander sorgen. Jeder dient dem Wohl des Ganzen, indem er Anteil am Leben des anderen nimmt; Mitempfinden im Leid und Gönnen von Gutem sind selbstverständlich: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ Alle sollen sich bewusst machen: „Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied“ (1Kor 12,26.27).

Apostel Paulus weist der Gemeinde im ersten Korintherbrief im 13. Kapitel den Weg der Liebe; er endet mit den Worten: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Wird die Liebe in der Gemeinde gelebt, sind die Auswirkungen weitreichender, als es alle Gaben, Befähigungen, Erkenntnisse und alles Wissen vermögen.

EXTRAKT

Das mosaische Gesetz sieht als Nächsten in erster Linie den Angehörigen des Volkes Israel. Jesus hebt, wie das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt, diese Begrenzung auf: Jeder Mensch kann der Nächste des anderen sein. (5.2.2)

In der Bergpredigt fordert Jesus, selbst Feinde zu lieben. (5.2.2)

Die Liebe zum Nächsten setzt dem Egoismus Grenzen. Sie spornt zur Barmherzigkeit allen gegenüber an. Nachfolger Christi sind nicht nur zur Nächstenliebe in irdischen Belangen gerufen, sondern auch dazu, Menschen auf das Evangelium Christi hinzuweisen. In diesem Zusammenhang steht auch die Fürbitte für Entschlafene. (5.2.2)

Nächstenliebe kommt durch die Liebe zu Gott zur völligen Entfaltung. (5.2.2)

Der Maßstab für die Liebe der Nachfolger Christi zueinander geht über die „goldene Regel“ („Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!") hinaus: Jeder soll den anderen so lieben, wie Christus die Seinen. Diese Liebe bewahrt vor Unversöhnlichkeit, Vorurteilen, abschätziger Betrachtung, da sie Bruder und Schwester so annimmt, wie sie sind. (5.2.3)

Siehe auch