Pfingsten

Begriff und Herkunft des Pfingstfestes

Das Wort "Pfingsten" finden wir - abgesehen von den Apokryphen; z. B. Tobias 2, 1 - nur im Neuen Testament; der Name aber geht zurück auf die griechische Bezeichnung für das "Fest der Wochen", ein jüdisches Erntedankfest. Die griechischen Worte "haemera pentaekostae" heißen übersetzt "der 50. Tag". Diese Bezeichnung hatte sich im Judentum für das "Fest der Wochen" eingebürgert. Damit kommt zum Ausdruck, dass der Zeitpunkt dieses jährlichen Festes im mosaischen Gesetz auf sieben Wochen und einen Tag (also 50 Tage) nach dem Passah festgelegt war: "...sieben ganze Wochen. Bis zu dem Tag nach dem siebenten Sabbat, nämlich fünfzig Tage, sollt ihr zählen..." (vgl. 3. Mose 23, 15. 16).

Pfingsten war eines der drei Feste, zu denen jeder männliche Israelit vor dem Herrn erscheinen sollte (vgl. 2. Mose 23, 14-17). Zu den besonderen Opfern, die am Pfingstfest als Dank für die Ernte gebracht wurden, zählen zwei Brote, die aus den zuerst geernteten Ähren, den Erstlingen der Ernte, gebacken waren; daher kommt auch die weitere Bezeichnung für dieses Fest: "Tag der Erstlinge" (vgl. 3. Mose 23, 10-20; 4. Mose 28, 26). Im Lauf der Zeit erweiterte sich bei den Juden die Bedeutung dieses Festes: Es kamen hinzu eine jährliche Erneuerung des Bundes zwischen Gott und Israel sowie das Gedenken an die Gesetzgebung auf dem Berg Sinai. Nach der Himmelfahrt Jesu Christi gab Gott durch die Ausgießung des Heiligen Geistes diesem Tag einen neuen Inhalt, der für die Heilsgeschichte von herausragender Bedeutung ist.

Verheißungen zur Sendung des Heiligen Geistes in den Abschiedsreden Jesu

Bevor wir uns dem in Apostelgeschichte 2 geschilderten Pfingstgeschehen zuwenden, blicken wir auf die Aussagen des Gottessohnes, in denen er die Sendung des Heiligen Geistes verheißen hat. Am Vorabend seines Todes sprach Christus mit den Aposteln und kündigte ihnen an, dass nach seinem Hingang zum Vater der Heilige Geist kommen werde. Davon lesen wir im Evangelium des Johannes: "Und ich will den Vater bitten, und er soll euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn; denn er bleibt bei euch und wird in euch sein" (Johannes 14, 16. 17).

Aus diesen Worten Jesu geht ein wesentlicher Unterschied zwischen der Art und Weise hervor, wie der Heilige Geist zur Zeit des Alten und des Neuen Testaments wirkt: Im Alten Bund hatte der Heilige Geist durch Menschen gewirkt, die er zeitweilig erfüllte und als Werkzeuge gebrauchte. Nun aber verhieß Christus den Aposteln, dass der Heilige Geist in Zukunft ewiglich bei ihnen und in ihnen bleiben werde. Die Bezeichnung "Tröster" ist gebraucht im Sinne von Helfer, herbeigerufenem Beistand. Dann zeigte Jesus wesentliche Kennzeichen und Wirkungen des Heiligen Geistes:

  • Der Heilige Geist ist der Tröster, der nach dem Hingang Jesu zum Vater sicherstellt, dass die Lehre Christi, das Evangelium, wachgehalten wird (vgl. Johannes 14, 26).
  • Der Heilige Geist zeugt von Christus (vgl. Johannes 15, 26).
  • Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit, der immer tiefer in die Wahrheit hineinleitet und auch Zusammenhänge offenbart, die Christus seinen Aposteln noch nicht erschlossen hatte: "Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen" (vgl. Johannes 16, 12-14).

Von Karfreitag zu Pfingsten

Nachdem der Herr diese Verheißungen gegeben hatte, nahmen ihn in derselben Nacht die von den Hohenpriestern und Pharisäern beauftragten Kriegsknechte im Garten Gethsemane gefangen. Es folgten die Verhöre und sein Leiden am Karfreitag - bis hin zum Opfer auf Golgatha, zum Tod am Kreuz. Am dritten Tag, an Ostern, war Christus von den Toten auferstanden! In den folgenden 40 Tagen erschien er den Aposteln immer wieder und redete mit ihnen vom Reich Gottes. Er verhieß: "Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden nicht lange nach diesen Tagen" (vgl. Apostelgeschichte 1,2-5).

Bevor er gen Himmel fuhr, sprach er zu den Aposteln: "Und siehe, ich will auf euch herabsenden, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt Jerusalem bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe" (Lukas 24, 49). Von dieser Gotteskraft heißt es in Apostelgeschichte 1, 8: "Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde."

Nach seinem Hingang erfüllte sich, was Christus zuvor verheißen hatte: "Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden" (Johannes 16, 7).

In den folgenden zehn Tagen waren die Apostel betend und flehend mit Jesu Brüdern, seiner Mutter Maria und weiteren Frauen zusammen. Als etwa 120 Gläubige in Jerusalem beieinander waren, veranlasste Apostel Petrus, dass anstelle von Judas Ischarioth ein anderer ins Apostelamt berufen wurde. Sie beteten, Gott möge zeigen, wen er dazu erwählt hatte. Das Los fiel auf Matthias.

Das Pfingstwunder

Was dann am Pfingsttag, am zehnten Tag nach der Himmelfahrt Christi, am fünfzigsten nach seiner Auferstehung geschah, schildert Lukas im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte: "Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen; und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen" (Verse 1-4). Nun hatten sich die Verheißungen erfüllt: Der andere Tröster, der Heilige Geist, der Geist der Wahrheit war vom Himmel gekommen und hatte die gläubig Wartenden erfüllt. Getrieben vom Heiligen Geist begannen sie, in fremden Sprachen zu reden (der Fachausdruck für dieses Zungenreden ist "Glossolalie").

Das Brausen, das Getöse vom Himmel, blieb nicht verborgen. Es sammelte sich eine Menge an dem Haus, wo das Brausen hörbar war. Sie setzte sich aus Juden unterschiedlicher Herkunft zusammen: Alteingesessene und solche, die aus aller Welt nach Jerusalem übergesiedelt waren; außerdem waren wegen des Festes etliche ausländische Juden und andere Gottgläubige als Besucher in die Tempelstadt gekommen. Was sie hörten, löste Erschrecken und Staunen aus: Jeder hörte, dass in seiner Muttersprache geredet wurde, und das, obwohl die Redenden alle aus Galiläa stammten. Lukas berichtet auch, wovon die Geisterfüllten redeten: von den großen Taten Gottes. Unter den Zuhörern war die Meinung geteilt; die einen fragten ratlos: "Was will das werden?" Andere spotteten und meinten, die Gläubigen seien betrunken.

Heilsgeschichtlich wird das Pfingstwunder oft als Gegenbild zur Sprachverwirrung beim Turmbau zu Babel verwendet. Damals hatte der Herr bewirkt, dass die Menschen, die bis dahin die gleiche Sprache gebrauchten, einander nicht mehr verstehen konnten und sich in alle Länder zerstreuten (vgl. 1. Mose 11, 1-9). Nun aber waren aus vielen Ländern Menschen mit unterschiedlichen Sprachen zusammengekommen, und Gott bewirkte, dass sie alle verstehen konnten, was Gottes Geist offenbarte. Insofern kann das Pfingstgeschehen auch als Hinweis darauf gesehen werden, dass die frohe Botschaft, das Evangelium von Jesus Christus, für alle Menschen in allen Sprachen bestimmt ist und von jedermann, unabhängig von der Abstammung, der Bildung oder der Kultur, erfasst und geglaubt werden kann.

Die Pfingstpredigt

Beim Rückblick auf den Tag, an dem der Heilige Geist ausgegossen wurde, fällt die Erfüllung einer weiteren Verheißung auf. Zu Petrus hatte der Herr Jesus gesagt: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen" (Matthäus 16, 18). Mit der Ausgießung des Heiligen Geistes wird die Versammlung der Nachfolger Christi (vgl. Apostelgeschichte 1, 13-15) zur Gemeinde Christi. Und es ist Apostel Petrus, der von Jesus Christus bestimmte Fels, der in dieser entscheidenden Stunde das Wort ergreift.

Der Apostel hielt eine gewaltige Predigt. Er widersprach zunächst der Behauptung, die Gläubigen seien betrunken. Dann verwies er darauf, dass sich die Weissagung des Propheten Joel, Gott werde seinen Geist ausgießen, in dem soeben erlebten Wunder erfüllt hatte. Petrus bezeugte: Jesus Christus ist der von Gott verheißene Messias, auf den König David in seinen Psalmen bereits prophetisch hingewiesen hatte. Er zitierte die Verse 8 bis 11 aus dem 16. Psalm als Hinweis auf die Auferstehung Jesu; den ersten Vers des Psalms 110 legte er als Ankündigung der Himmelfahrt Christi aus.

Jesus Christus, der von den Israeliten (siehe Vers 22) ausgeliefert und von den Heiden (Vers 23) gekreuzigt worden war, stand im Mittelpunkt dieser ersten überlieferten apostolischen Predigt: "Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen. Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr seht und hört ... So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat" (Verse 32. 33. 36). Diese Worte trafen das Herz der Zuhörer, und sie fragten die Apostel, was sie nun tun sollten. Darauf antwortete Petrus als Sprecher der Apostel: "Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und aller, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird" (Verse 38. 39). Ungefähr 3000 nahmen das Wort gern an, ließen sich taufen und wurden so zur Gemeinde hinzugetan. So ist Pfingsten auch ein Vorbild für die durchschlagende Kraft geistgewirkter Predigt sowie für das Wachstum der Gemeinde durch die Wirksamkeit der Apostel.

Von dieser ersten Gemeinde, der Keimzelle der Kirche Christi, berichtet Lukas: "Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet" (Vers 42). Diese vier Kennzeichen sind grundlegend für die Kirche Christi geblieben.

Pfingsten - unterschiedliche Bedeutungen

Außer in Apostelgeschichte 2, 1 lesen wir im Neuen Testament noch zweimal von Pfingsten: Zum einen heißt es in Apostelgeschichte 20, 16, dass Apostel Paulus sich auf einer Reise beeilte, weil er am Pfingsttag in Jerusalem sein wollte. Zum anderen geht aus 1. Korinther 16, 8 hervor, dass er in einem anderen Jahr bis Pfingsten bei den Gläubigen in Ephesus bleiben wollte, weil seine Arbeit viel Frucht hervorbrachte.

Aus den ersten drei Jahrhunderten nach Christus wissen wir, dass der ganze Zeitabschnitt der 50 Tage nach Ostern als "Pentekoste" bezeichnet wurde; es waren 50 Tage, während derer der Auferstehung Christi gedacht wurde. Aus diesen 50 Tagen traten allmählich der 40. Tag als Gedenktag der Himmelfahrt Christi und der 50. Tag als Gedenktag der Ausgießung des Heiligen Geistes hervor. Ein Schriftstück des Konzils von Elvira aus dem Jahr 305 ist die älteste Überlieferung, in der der Pfingsttag als eigenständiges Fest erwähnt wird. In der Folgezeit wird ihm immer mehr Bedeutung zugemessen. Pfingsten wird als das Fest des Heiligen Geistes begangen und steht als Kirchenfest gleichrangig neben Ostern und Weihnachten. Das wirkt sich noch in unserer Zeit dahingehend aus, dass diesen drei Festen in einigen Ländern zwei gesetzliche Feiertage vorbehalten sind. Im Mittelalter wurden an Pfingsten Turniere der Ritter und andere Spiele ausgerichtet. Es entwickelte sich ein reichhaltiges Brauchtum, das mancherorts noch heute gepflegt wird. Dazu gehört auch das Schmücken der Kirchen und Altäre mit knospenden, grünenden Blütenzweigen.

In den orthodoxen Kirchen werden die Gebete in den 50 Tagen von Ostern bis Pfingsten stehend gesprochen, erst vom Abend des Pfingstfestes an kniet man zum Gebet wieder nieder. Das stehende Beten soll die Freude über die Auferstehung Christi ausdrücken. Der Pfingsttag selbst wird von den orthodoxen Christen als Geburtsfest der Kirche gesehen, "denn die Kirche ist, was sie ist, einzig und allein durch die Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Apostel" (Sergius Heitz [Hrsg.]), "Christus in euch: Hoffnung auf Herrlichkeit", Göttingen 1994).

Katholische und orthodoxe Kirche sehen in der Ausgießung des Heiligen Geistes die vollendete Offenbarung der Dreieinigkeit Gottes. Deswegen gilt Pfingsten auch als Fest der "Heiligen Dreiheit" bzw. der "Heiligen Dreifaltigkeit". In den evangelischen Kirchen wird Pfingsten als Ausrüstung der Jünger mit dem Heiligen Geist zur Erfüllung des Missionsauftrages und als Geburtsfest der Kirche gefeiert. Starken Zulauf hat in den letzten Jahrzehnten die Pfingstbewegung gewonnen, die sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher christlicher Gemeinschaften zusammensetzt. Verbindendes Merkmal dieser Gruppierungen ist, dass sie ein "persönliches Pfingsten" des einzelnen Menschen sehr stark hervorheben. Darunter verstehen die Anhänger der Pfingstbewegung, dass der Gläubige vom Heiligen Geist ergriffen werde, was sich in Zungenreden, ekstatischen Gesängen und ähnlichen Ausdrucksformen äußere.

Pfingsten - seine Bedeutung für uns

Wir feiern das Pfingstfest zum Gedächtnis an den Tag, an dem der Heilige Geist von Gott auf die Gläubigen ausgegossen wurde. Auch wir sprechen - in der Erinnerung an das oben geschilderte Geschehen zu Jerusalem - von Pfingsten als dem "Geburtstag der Kirche Christi". Es ist ein Fest der Freude darüber, dass der Heilige Geist auch heute die Kirche Christi prägt.

An jenem historischen Pfingstfest wurden erstmals Menschen bleibend mit dem Heiligen Geist erfüllt. Das lässt uns dankbar dessen gedenken, dass wir durch Handauflegung und Gebet eines Apostels Jesu mit dem Heiligen Geist versiegelt worden sind auf "den Tag der Erlösung" (vgl. Epheser 4, 30). Damit haben wir das Pfand unseres Erbes erhalten und wurden Gottes und Christi Eigentum (vgl. Epheser 1, 13. 14), Eigentum nicht als Knechte, sondern als Kinder. Dadurch sind wir auch erbberechtigt und dürfen darauf hoffen, durch Gottes Gnade am Tag Christi zur Herrlichkeit erhoben zu werden (vgl. Römer 8, 14-17).

In den letzten Jahren ist die Bedeutung von Pfingsten in unserer Kirche besonders betont worden: Seit 1981 richtet der Stammapostel jeweils ein Grußwort an die Glaubensgeschwister; seit 1990 werden im Abstand von je drei Jahren internationale Apostelversammlungen durchgeführt, zu denen alle aktiven Apostel eingeladen sind.

Stammapostel Streckeisen hatte in einem Artikel zum Pfingstfest 1978 geschrieben: "Das aber ist unsere Pfingstfreude: die Liebe brennt lichterloh in unseren Herzen, und von Tag zu Tag warten wir aufs neue in lebendiger Hoffnung auf unseren Herrn und Seelenbräutigam" (aus "Amtsblatt" vom 1. Mai 1978). Diese Hoffnung, die vom Heiligen Geist wachgehalten und genährt wird, spiegelt sich in allen Grußworten unseres Stammapostels wider. Pfingsten weckt den Dank dafür, dass der Heilige Geist gegenwärtig wirkt, um Christi Eigentum für die herrliche Zukunft in der bleibenden Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn zu bereiten. Der Heilige Geist drängt auch die Braut zu dem Ruf: "Ja, komm Herr Jesu!"