Karfreitag

Karfreitag ist jener Tag im Leben des Gottessohnes auf Erden, von dem uns die weitaus meisten Einzelheiten überliefert sind. In den vier Evangelien sind insgesamt 13 Kapitel den Ereignissen gewidmet, die vom letzten Abendmahl des Herrn mit den Jüngern über die Abschiedsreden, die Gefangennahme und die Verhöre bis hin zur Kreuzigung und zum Tod des Herrn reichen. Beim Beschäftigen mit diesen Ereignissen, die heilsgeschichtlich von höchster Bedeutung sind, wird die Größe des Opfers ganz deutlich, das unser Heiland Jesus Christus aus Liebe zu uns Menschen gebracht hat.

In den meisten Sprachen wird der Todestag Jesu als "Heiliger Freitag" bezeichnet; auch der englische Begriff "Good Friday" kann nicht nach heutigem Sprachgebrauch wörtlich als "Guter Freitag" übersetzt werden, sondern wird als "Heiliger Freitag" verstanden. In der Orthodoxie verwendet man den Begriff "Großer Freitag". In der deutschen Sprache wird er vereinzelt als "Stiller Freitag", meist jedoch als "Karfreitag" (das "Kar" kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet soviel wie "Trauer" oder "Buße") bezeichnet.

Wie auch immer dieser Tag genannt wird - auffällig ist, dass der Kreuzigung Jesu Christi allenthalben an einem Freitag gedacht wird. Und das ist so selbstverständlich nicht. Liest man nämlich die Berichte in den Evangelien, so ergeben sich voneinander abweichende Zeitabläufe der letzten Tage im Leben Jesu. Dabei fällt aber auf, dass alle entscheidenden und heilsgeschichtlich bedeutenden Ereignisse übereinstimmen und die Abweichungen Nebensächlichkeiten betreffen, die für den tiefen Sinn des Opfers Jesu und für unseren Glauben nicht von Belang sind.

Fest steht, dass das Passahfest am 14. Nisan (jüdischer Monat in der Zeit von März/April) stattfindet, also nicht an einem feststehenden Wochentag. In den drei miteinander vergleichbaren Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas lesen wir, dass es sich bei dem Abendmahl, das der Herr mit den Aposteln feierte, um das Passahmahl gehandelt hat, das in der Nacht von Donnerstag auf Freitag eingenommen wurde. Apostel Johannes hingegen berichtet, dass der Herr das Abendmahl am Tag vor dem Passahfest eingesetzt hat. Demzufolge wäre die Kreuzigung an einem Donnerstag geschehen. Das würde sich mit dem Hinweis Jesu decken, er werde drei Tage und drei Nächte im Bauch der Erde verweilen (vgl. Matthäus 12, 39. 40).

Da die Unterschiede in den Berichten nicht ausgeräumt werden können und die eindeutige zeitliche Zuordnung nicht möglich ist, wäre es auch müßig, sich mit dieser Problematik länger aufzuhalten. Wir gedenken, wie allgemein seit Mitte des 2. Jahrhunderts üblich, des Opfertodes Jesu am Freitag vor Ostern. Obwohl dieser Tag nicht in allen Ländern gesetzlicher Feiertag ist, finden in unserer Kirche soweit wie möglich am Karfreitag in allen Gemeinden Gottesdienste mit Feier des Heiligen Abendmahls statt.

Was geschah in den Tagen vor Karfreitag?

Die letzten Tage vor dem Opfertod Jesu sind von den Schreibern der Evangelien sehr detailliert festgehalten worden. Der Herr war, von Bethanien kommend, auf einem Esel unter dem Jubel der Volksmenge in Jerusalem eingezogen. Er reinigte den Tempel von den Geldwechslern und Taubenhändlern und heilte Gelähmte und Blinde, die zu ihm in den Tempel kamen (vgl. Matthäus 21, 14). Es folgten einige Auseinandersetzungen sowohl mit den auf Gesetzestreue bedachten Pharisäern als auch mit den Sadduzäern, zu denen die Hohenpriester gehörten. Dann sagte der Sohn Gottes die Zerstörung Jerusalems sowie des Tempels voraus und belehrte seine Apostel über die Zukunft. Er stellte seine Wiederkunft bildhaft dar, so im Gleichnis von den zehn Jungfrauen und von den anvertrauten Zentnern. Außerdem machte er deutlich, dass er gekreuzigt werden würde (vgl. Matthäus 26, 2).

Die Hohenpriester und Schriftgelehrten sowie die Ältesten des Volks kamen im Palast des Hohenpriesters Kaiphas zusammen und beratschlagten miteinander, wie sie Jesum Christum durch eine List gefangen nehmen und töten könnten. Derweil war der Herr nochmals nach Bethanien gegangen, wo er von einer Frau mit kostbarem Salböl gesalbt wurde. Auch an dieser Stelle scheinen die Berichte voneinander abzuweichen. Laut Matthäus 26, 6-13 und Markus 14, 3-9 fand diese Salbung im Hause Simons des Aussätzigen statt, während Johannes von einer Salbung im Hause der drei Geschwister Maria, Martha und Lazarus durch Maria berichtet, die sich vor dem Einzug nach Jerusalem ereignet hatte (vgl. Johannes 12,1-8). Hier handelt es sich wohl um zwei verschiedene Begebenheiten, die wegen ihrer Ähnlichkeit leicht zu Verwechslungen führen. Im Lukasevangelium wird von der Salbung im Hause Simons allerdings bereits früher berichtet (vgl. Lukas 7, 36-50). An dieser Stelle sei eingeflochten, dass viele Gegner der Heiligen Schrift solche unterschiedlichen Überlieferungen herausgreifen, um damit zu begründen, dass die Bibel unwahr und in sich fehlerhaft sei. Für uns hingegen wird gerade aus diesen Stellen ganz klar, wie heilig den ersten Christen diese Berichte über das Leben des Herrn waren. Sie haben nicht die einzelnen Schriften einander angeglichen, um eine einwandfreie, in sich schlüssige Dokumentation zu bekommen, sondern sie bewahrten die Schriftwerke der Apostel und ihrer Mitarbeiter als kostbare Urkunden auf und sahen darin die Grundlage der Lehre. Wir glauben daran, dass jeder der Evangelisten aus seiner Sicht schilderte, was geschehen ist. Und wenn auch die Reihenfolge nicht immer gleich ist und Einzelheiten, die letztlich nebensächlich sind, verschieden geschildert werden, so hat Gott dafür Sorge getragen, dass in den vier Evangelien alle wesentlichen und heilsgeschichtlich wichtigen Punkte übereinstimmen beziehungsweise einander ergänzen.

Abendmahl mit den Jüngern

Bevor der Herr mit den Aposteln zum letzten Mal gemeinsam zu Abend aß, sandte er während des Tages Petrus und Johannes in die Stadt mit dem Auftrag, das Passahlamm zu bereiten. Einen Raum würden sie durch einen Mann finden, der einen Wasserkrug tragen werde. So geschah es auch. Am Abend kam Christus mit den zwölf Aposteln in diesem Saal zusammen. Für die Juden beginnt ein neuer Tag nicht erst um Mitternacht, sondern bereits mit dem Untergehen der Sonne. Das nachstehend Geschilderte ereignete sich also am letzten Tag im Leben Jesu. Es gehört deshalb unmittelbar zum Karfreitagsgeschehen.

Der Herr legte während des Beisammenseins sein Obergewand ab, umgürtete sich mit einem Schurz, goss Wasser in ein Becken und wusch seinen Jüngern die Füße. Danach setzten sie sich zu Tisch. Während sie aßen, sagte der Herr betrübt, dass ihn einer unter ihnen verraten würde. Sie fragten ihn, wer es sei. Er antwortete: "Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht." Es war Judas Iskariot. Dieser stand vom Tisch auf und ging hinaus, und es war Nacht. In eindrücklicher Weise schildert Matthäus, wie der Gottessohn während jenes Abendessens das Sakrament des Heiligen Abendmahles einsetzte: "Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden." Damit wurden die Worte erklärt, deretwegen sich viele seiner Jünger vom Herrn abgewandt hatten, als er sagte: "Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohns esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch" (Johannes 6, 53). Nach dem Abendmahl sagte der Herr zu Petrus, er habe für ihn gebetet, dass sein Glaube nicht aufhöre. Er gab ihm den Auftrag: "Wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder." Weiter sagte er, dass Petrus ihn verleugnen werde, was dieser von sich wies (vgl. Lukas 22, 31-34). Im Johannesevangelium sind uns von Vers 31 des 13. Kapitels bis zum Ende des 16. Kapitels die Trost- und Abschiedsreden Jesu überliefert, in denen er seine Apostel stärkte und nochmals eingehend belehrte. Er gab ihnen die Verheißung, dass nach seinem Hingang zum Vater der Heilige Geist als Tröster kommen werde.

Vor allem aber verhieß er ihnen: "Ich will wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin" (vgl. Johannes 14, 3). Ebenfalls im Johannesevangelium finden wir das hohepriesterliche Gebet des Sohnes Gottes, in dem er in erhabener Weise für sich, seine Jünger und seine zukünftige Gemeinde betete (Kapitel 17). Dieses unvergleichliche Gebet und die Abschiedsreden des Herrn sollten wir immer wieder einmal aufmerksam lesen und auf uns wirken lassen, denn darin hören wir den Herrn förmlich so sprechen und beten, wie Apostel Johannes ihn erlebt hatte.

Gethsemane

Nach dem Mahl gingen der Herr und die Apostel zum Ölberg. Jesus sagte den Jüngern, dass sie ihn in dieser Nacht alle verlassen würden. Petrus und die anderen Apostel erwiderten, sie würden bei ihm bleiben, selbst wenn sie sterben müssten, doch der Herr antwortete Petrus darauf nochmals, dass er ihn noch in dieser Nacht verleugnen werde, ehe der Hahn gekräht haben werde. Als sie zu einem Garten mit Namen Gethsemane kamen, wies der Herr die Seinen an, sich niederzusetzen. Nur die Apostel Petrus, Johannes und Jakobus nahm er mit sich. Er sagte zu ihnen: "Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir!" Er ging einen Steinwurf weit von ihnen, fiel nieder und betete: "Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!" Da erschien ihm ein Engel, der ihn stärkte. Lukas berichtet, dass der Herr dann mit dem Tod rang und so heftig betete, dass sein Schweiß wie Blutstropfen zur Erde fiel. Nachdem der Herr gebetet hatte, ging er zurück zu den Jüngern. Er fand sie schlafend. Da sagte er zu Petrus: "Könnet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach." Noch zwei weitere Male ging er ein Stück von ihnen und betete, und als er zurückkehrte, waren die Jünger wieder eingeschlafen Nach dem dritten Mal sprach er zu ihnen: "Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät!"

Während er noch redete, kam Judas mit einer großen Schar Bewaffneter, die von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes gesandt worden war. Es waren auch Diener der Pharisäer bei ihnen. Jetzt, wo es darum ging, den Herrn gefangen zu nehmen, machten die beiden miteinander verfeindeten religiösen Hauptgruppen in Israel, die Sadduzäer und Pharisäer, gemeinsame Sache. Wir können uns ein Bild jenes Geschehens machen, wenn wir uns die Gruppe vorstellen, mit Schwertern und Spießen, Fackeln und Lampen. Der Herr Jesus, der wusste, was auf ihn zukam, ging auf die Männer zu und fragte: "Wen sucht ihr?" Sie sprachen: "Jesus von Nazareth." Er sagte: "Ich bin's!" Sie wichen zurück und fielen zu Boden. Jesus fragte nochmals, wen sie suchten, und wieder sagten jene: "Jesus von Nazareth." Darauf sagte der Gottessohn: "Sucht ihr mich, so lasst diese gehen!" Judas Iskariot hatte mit den Knechten als Zeichen vereinbart, er werde Jesu einen Kuss geben. Der Verräter trat auf den Herrn zu, küsste ihn und sagte: "Sei gegrüßt, Rabbi!" Der Herr entgegnete: "Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss?" Die umstehenden Jünger fragten den Herrn, ob sie mit dem Schwert dreinschlagen sollten, und Petrus zog sein Schwert und hieb einem Knecht des Hohenpriesters das rechte Ohr ab. Jesus heilte den Knecht und gebot Petrus, das Schwert in die Scheide zu stecken. Er sagte: "Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr denn zwölf Legionen Engel schickte? Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, dass es so geschehen muss?" Dann wandte er sich an diejenigen, die ihn gefangen nehmen wollten: "Ihr seid ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen. Habe ich doch täglich im Tempel gesessen und gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. Aber das ist alles geschehen, damit erfüllt würden die Schriften der Propheten." Da ergriffen ihn die Männer und banden ihn. Die Jünger flohen alle. Nur im Evangelium des Markus finden wir folgenden Hinweis: "Ein junger Mann aber folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihn. Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt davon." Seit jeher ist vermutet worden, dass dieser Jüngling Markus selbst gewesen sei. Der Schreiber des Evangeliums hätte demnach aus dem persönlichen Erleben berichtet und in diesen wenigen Worten eine markante Begegnung geschildert, die er selbst mit dem Sohn Gottes gehabt hatte. Bewiesen ist diese Annahme jedoch nicht.

Petrus verleugnet den Herrn

Als erstes brachte man den Herrn in das Haus des in jenem Jahr amtierenden Hohenpriesters Kaiphas. Alle Hohenpriester, viele Schriftgelehrte und Ältesten hatten sich dort versammelt. Simon Petrus und ein weiterer Jünger waren der Schar in einiger Entfernung gefolgt. Der zweite Jünger - es wird angenommen, dass es sich dabei um Johannes handelte - war mit dem Hohenpriester bekannt und ging mit dem Herrn hinein in den Hof. Petrus musste zunächst an der Tür stehen bleiben, doch nachdem der andere Jünger mit der Türhüterin gesprochen hatte, ließ sie auch Petrus eintreten. Dieser setzte sich zu den Dienern und wärmte sich am Feuer. Er wollte erfahren, wie die Ereignisse sich weiterentwickeln würden. Die Magd, die die Tür hütete, sprach ihn an, ob er nicht auch ein Jünger Jesu sei. Petrus leugnete das ab. Eine andere Magd fragte ihn das gleiche. Wieder stritt Petrus ab, den Herrn zu kennen. Noch ein drittes Mal wurde er angesprochen: "Wahrhaftig, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich." (Anmerkung: Der galiläische Dialekt, der in Kapernaum, der Stadt, aus der Petrus stammte, gesprochen wurde, unterschied sich von dem Aramäischen, wie man es in Jerusalem sprach.) Zum dritten Mal leugnete Petrus, den Herrn Jesus zu kennen. Da krähte der Hahn. Als Petrus das hörte, erinnerte er sich, dass der Herr ihm vorher gesagt hatte, er werde ihn dreimal verleugnen. In diesem Augenblick wandte sich der Herr dem Petrus zu und blickte ihn an. Wie mag dieser Blick den Apostel getroffen haben! Er ging hinaus und weinte bitterlich.

Das Verhör vor dem Hohen Rat und das Ende des Judas

Nach seiner Verhaftung wurde der Herr Jesus von den Hohenpriestern und dem Rat verhört. Sie hatten beschlossen, ihn zu töten. Sie ließen falsche Zeugen auftreten, die den Herrn beschuldigten. Doch diese widersprachen sich in ihren Aussagen. Schließlich kamen zwei, die sagten, sie hätten gehört, dass Jesus den Tempel zerstören und in drei Tagen wieder aufbauen könne. Auch diese stimmten in ihren Aussagen nicht überein. Da stand der Hohepriester auf und sprach: "Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich bezeugen?" Der Herr schwieg. Da sagte der Hohepriester: "Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes." Jesus antwortete: "Du sagst es. Doch ich sage euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels." Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: "Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört." Dann fragte er die Versammelten nach ihrer Meinung, und sie sagten: "Er ist des Todes schuldig!" Daraufhin spie man dem Herrn ins Gesicht, verhüllte sein Haupt schlug ihn auf den Kopf und ins Gesicht und höhnte: "Weissage uns, Christus, wer ist's, der dich schlug?" Schließlich fesselten sie ihn und brachten ihn in der Frühe des Tages zu dem römischen Statthalter Pontius Pilatus.

Als Judas Iskariot das sah, wollte er die 30 Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurückgeben. Er sagte ihnen: "Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe." Mit der Bemerkung: "Was geht uns das an?" wiesen sie ihn ab. Da warf Judas das Geld in den Tempel und erhängte sich. Mit dem Geld kauften die Hohenpriester später einen Töpferacker als Begräbnisstätte für Pilger. Damit erfüllte sich die alte Prophezeiung aus Sacharja 11,13. Matthäus schreibt dieses Prophetenwort irrtümlicherweise dem Propheten Jeremia zu. Auch an dieser Stelle sehen wir die Ehrfurcht der Bibelabschreiber und -übersetzer, die nicht einfach den Irrtum korrigierten, sondern den alten Text als kostbares Zeugnis unangetastet ließen.

Das erste Verhör vor Pilatus

Frühmorgens hatten die Hohenpriester und Ratsleute den Herrn vor das Richthaus gebracht, die Burg Antonia, in der Pilatus residierte. Johannes berichtet, dass die strenggläubigen Juden das Haus jenes Heiden nicht betraten, denn dadurch hätten sie sich nach dem mosaischen Gesetz verunreinigt. Deshalb kam Pilatus zu ihnen hinaus. Mit der Einbeziehung des Landpflegers in das Verhör blieb die Verurteilung und anschließende Tötung Christi nicht eine Angelegenheit der Juden, sondern auch die Heiden - also diejenigen, die nicht dem erwählten Bundesvolk des Alten Testaments angehörten - waren mit einbezogen. Juden und Heiden - die Menschen schlechthin, ob erwählt oder nicht - töteten gemeinsam den Herrn, der beider Erlöser wurde.

Pilatus fragte, warum sie Jesum zu ihm gebracht hätten. Sie erwiderten, er sei ein Verbrecher. Der Landpfleger meinte, sie sollten ihn nach ihrem Gesetz richten. Sie aber hielten ihm entgegen: "Wir dürfen niemand töten." Wäre der Herr nach jüdischem Recht getötet worden, hätte man ihn nicht gekreuzigt, sondern gesteinigt. Nun riefen die Ankläger, Jesus habe dem Volk verboten, Steuern an den Kaiser zu zahlen und außerdem behauptet, er sei ein König. Pilatus ging wieder hinein ins Richthaus und ließ den Angeklagten zu sich bringen. Zu den Schuldzuweisungen der Hohenpriester sagte Jesus nichts, worüber sich der Statthalter verwunderte. Er fragte ihn, ob er der Juden König sei. Der Herr stellte die Gegenfrage, ob er das aus sich selber fragen würde, oder ob andere ihm gesagt hätten, dass er, Jesus, ein König sei. Pilatus hielt ihm entgegen: "Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan?" Der Sohn Gottes antwortete: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt." Pilatus fragte nach: "So bist du dennoch ein König?" Jesus antwortete: "Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme." Als Pilatus das hörte, sagte er: "Was ist Wahrheit?" Dann ging er hinaus und sagte zu den Hohenpriestern und der versammelten Menge, dass er keine Schuld an Jesum fände. Die Kläger behaupteten immer heftiger, er würde das Volk in ganz Judäa und Galiläa aufwiegeln. Pilatus fragte, ob Jesus denn ein Galiläer sei. Man bestätigte ihm das. Nun sandte er Jesum zu Herodes, der in Galiläa als Regent unter römischer Oberherrschaft eingesetzt war und sich zum Passahfest in Jerusalem aufhielt.

Das Verhör vor Herodes

Dieser Herodes mit dem Beinamen Antipas, zu dem die Hohenpriester und Schriftgelehrten den Herrn nun brachten, war einer der Söhne von Herodes dem Großen, der den Kindermord zu Bethlehem befohlen hatte. Von diesem Verhör berichtet nur Lukas; er verweist in der Apostelgeschichte nochmals ausdrücklich auf diese Tatsache (vgl. Apostelgeschichte 4, 27). Schon seit geraumer Zeit hatte Herodes sich gewünscht, Jesum zu sehen, von dem er bereits gehört hatte. So war er froh, dass man den Gefangenen zu ihm gebracht hatte. Er hoffte, der Herr würde ein Zeichen tun. Herodes stellte viele Fragen, jedoch der Herr antwortete ihm nichts. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten hingegen verklagten ihn heftig. Als nun Herodes keine Antwort erhielt, trieben er und sein Hofgesinde ihren Spott mit Jesum, legten ihm ein weißes Gewand an und verhöhnten ihn. Dann sandte Herodes Jesum wieder zu Pilatus zurück. An dem Tag schlossen Herodes und Pilatus, die zuvor einander Feind gewesen waren, Freundschaft.

Das Urteil

Wieder beim Richthaus angekommen, wurde der Sohn Gottes von den Römern gegeißelt. Die Soldaten flochten eine Dornenkrone, setzten sie auf sein Haupt, legten ihm ein Purpurkleid an, spotteten: "Gegrüßet seist du, der Juden König!" und schlugen ihn ins Gesicht. Pilatus ging hinaus zu der versammelten Volksmenge und sagte, er könne keine Schuld an Jesum finden. Er ließ den Herrn in dem Purpurkleid und mit der Dornenkrone heraustreten und sagte: "Seht, welch ein Mensch!" Da schrieen die Hohenpriester und ihre Diener, Jesus solle gekreuzigt werden. Pilatus entgegnete: "Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn; denn ich finde keine Schuld an ihm." Die Kläger merkten, dass ihre Bezichtigungen, Jesu würde verbieten, Steuern an den Kaiser zu zahlen und sich selbst zum König zu machen, nicht den gewünschten Erfolg bei Pilatus hervorrief. Da brachten sie einen neuen Anklagepunkt vor: Sie sagten, dass Jesus nach dem jüdischen Gesetz des Todes schuldig sei, weil er gesagt habe, er sei Gottes Sohn. Als Pilatus das hörte, wuchs in ihm Furcht. Er ging mit Jesu wieder in das Richthaus hinein und fragte: "Woher bist du?" Er erhielt keine Antwort. Der Landpfleger fuhr fort: "Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen?" Da sagte der Herr: "Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre. Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde." Seit diesem Augenblick suchte Pilatus nach einer Möglichkeit, den Herrn freizulassen. Als die Juden das merkten, schrieen sie: "Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser."

Dann ließ Pilatus Jesus herausführen. Er selbst setzte sich auf den Richtstuhl. Es bestand nun in jener Zeit die Sitte, dass der römische Statthalter zum Passahfest einen Gefangenen freiließ, den das Volk sich aussuchen durfte. Der Landpfleger stellte dem Volk zur Wahl, ob er Jesum freilassen solle oder einen berüchtigten Mörder namens Barabbas, der während eines Aufruhrs einen Mord begangen hatte. Pilatus hatte gemerkt, dass der Herr unschuldig war und man ihn aus Neid verklagte. Während Pilatus auf dem Richtstuhl saß, sandte seine Frau einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: "Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen." Die Hohenpriester und Ältesten aber beeinflussten das Volk, es solle verlangen, dass Barabbas freikommt, Jesus hingegen zu Tode bringen. Auf die Frage des Statthalters, welchen er freigeben solle, erhielt er zur Antwort: "Barabbas", und als er weiter fragte, was er denn mit Jesum tun solle, schrie die Menge, er solle gekreuzigt werden. Auf den Einwand Pilatus hin, was Jesus denn Böses getan habe, schrieen sie noch lauter: "Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn!" Pilatus fragte nach: "Soll ich euren König kreuzigen?" Da antworteten die Hohenpriester: "Wir haben keinen König als den Kaiser." Als der Landpfleger sah, dass seine Bemühungen, Jesus freizubekommen, fruchtlos blieben, nahm er Wasser, wusch sich vor dem Volk die Hände und sagte: "Ich bin unschuldig an seinem Blut; sehet ihr zu!" Da antwortete das Volk: "Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!"

So ließ Pilatus Barabbas frei; Jesum hingegen lieferte er zur Kreuzigung aus. Die ganze Kohorte der Kriegsknechte trieb ihren Spott mit ihm, gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand, warfen sich vor ihm auf die Knie. Die Soldaten spieen ihn an und schlugen ihn mit dem Rohr auf das Haupt. Danach führten sie den Herrn hinaus, um ihn zu kreuzigen. Ein Mann mit Namen Simon von Kyrene kam gerade von der Arbeit auf dem Feld. Den zwangen sie, das Kreuz des Herrn zu tragen. Es steht übrigens in keinem Evangelium davon geschrieben, dass der Herr Jesus - wie manchmal zu hören ist - unter der Last des Kreuzes zusammengebrochen wäre. Eine große Volksmenge folgte dem Herrn. Darunter befanden sich viele Frauen, die um ihn weinten und klagten. Er aber wandte sich zu ihnen um und sprach: "Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder." Er wies auf die Zeit hin, in der sich die Einwohner Jerusalems nach dem Tode sehnen würden: "Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: Fallt über uns!, und zu den Hügeln: Bedeckt uns!"

Die Kreuzigung - der Opfertod

Mit dem Herrn Jesus wurden zwei Verbrecher zur Hinrichtungsstätte Golgatha geführt, die vor den Toren der Stadt lag. Man bot ihm Essig an, der mit Galle vermischt war. Das war bereits von David in einem Psalm prophezeit worden: "Und sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken in meinem großen Durst" (Psalm 69, 22). Doch er lehnte den Trank ab. Dann - es war laut Markus um die dritte Stunde, also gegen 9 Uhr vormittags - kreuzigten die Soldaten den Sohn Gottes inmitten der beiden Verbrecher. Und auch diese Einzelheit war vorausgesagt worden: "Er ist unter die Übeltäter gerechnet" (vgl. Jesaja 53, 12). Die Evangelisten haben es unterlassen, die unvorstellbare Peinigung eines solchen Geschehens zu veranschaulichen, und auch wir wollen bei der nüchternen, sachlichen Wiedergabe des Geschehens bleiben.

Es bewegt uns zutiefst, wenn wir lesen, dass der Herr Jesus in diesen qualvollen Augenblicken für seine Peiniger betete: "Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!" Pilatus hatte für das Kreuz Jesu eine Tafel schreiben lassen, auf der in Hebräisch, Lateinisch und Griechisch geschrieben stand: Jesus von Nazareth, der Juden König. Die allgemein bekannten Buchstaben INRI sind die Abkürzung der lateinischen Übersetzung Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum. Die Hohenpriester sagten zu Pilatus: "Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden." Pilatus jedoch entgegnete: "Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben." Die vier Soldaten, die Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile daraus. Den Rock aber, der ohne Naht als Ganzes gewoben war, zerteilten sie nicht, sondern losten, wer ihn erhalten sollte. Wieder finden wir in einem Psalm Davids einen prophetischen Hinweis darauf: "Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand" (Psalm 22, 19). Die Leute, die an den Kreuzen vorübergingen, schüttelten ihre Köpfe und höhnten: "Der du den Tempel Gottes abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!" Auch die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten verspotteten ihn: "Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, hat er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn."

Schließlich sprach auch einer der Übeltäter den Herrn an: "Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!" Der andere hingegen entgegnete vorwurfsvoll: "Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan." Dann wandte sich der Schächer an Jesus: "Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!" Der Sohn Gottes erwiderte: "Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein." Welch eine Gnade erwies Christus damit dem Sünder in den letzten Stunden seines Lebens, in denen jener nichts mehr gutmachen konnte! Weil er bußfertig und reumütig war, fand der Übeltäter Gnade.

Bei dem Kreuz standen einige Frauen, darunter Jesu Mutter Maria, ihre Schwester sowie zwei weitere Frauen namens Maria: die Gattin des Kleophas (einer der beiden Jünger, denen Jesus nach seiner Auferstehung auf dem Weg nach Emmaus begegnete) und Maria Magdalena, ferner die Mutter der Apostel Johannes und Jakobus. Außerdem stand auch Apostel Johannes - so werden allgemein die Worte verstanden "der Jünger, den er lieb hatte" - dort. Da sprach der Herr zu seiner Mutter: "Frau, siehe, das ist dein Sohn!" und zu Johannes: "Siehe, das ist deine Mutter!" Von da an nahm Johannes die Mutter Jesu in sein Haus.

Zur sechsten Stunde, nach unserer Uhr um 12 Uhr mittags, kam eine große Finsternis über das ganze Land, die bis zur neunten Stunde, also bis 15 Uhr andauerte. Um diesen Zeitpunkt schrie der Herr laut: "Eli, Eli, lama asabtani?" Das heißt übersetzt: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Einige der Umstehenden, die diese Worte aus dem 2. Vers des 22. Psalm hörten, sagten: "Der ruft nach Elia." Dann rief Christus: "Mich dürstet!" Einer tränkte einen Schwamm in einem mit Essig gefüllten Gefäß. Den reichte man dem Herrn auf einem Rohr und ließ ihn davon trinken. Andere sprachen: "Halt, lass uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe."

Matthäus und Markus berichten, dass der Herr vor seinem Tod nochmals laut schrie. Bei Johannes lesen wir die Worte, die von dem errungenen Sieg zeugen: "Es ist vollbracht!" Und im Lukasevangelium heißt es: "Und Jesus rief laut und sprach: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt, verschied er." Mit diesem letzten Gebetsruf auf den Lippen - auch aus einem Psalm Davids (Psalm 31, 6) - starb der Herr.

Ereignisse nach dem Tod - das Begräbnis

Dramatische Ereignisse begleiteten den Tod des Herrn: die Erde erbebte, das Felsen zerrissen. Als der Hauptmann und die Soldaten, die Jesum bewachten, das Erdbeben spürten, erschraken sie sehr. Furcht ergriff sie, und sie sprachen: "Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!" Einer der Soldaten stach ihn mit einer Lanze in die Seite. Als er sah, dass Wasser und Blut daraus hervorquollen, Jesus also bereits gestorben war, zerbrachen die Soldaten ihm nicht die Beine. Bei den beiden Verbrechern hingegen taten sie es, um so den Eintritt des Todes zu beschleunigen. Wieder hatten sich zwei Bibelworte erfüllt (vgl. Sacharja 12, 10 und 2. Mose 12, 46).

Als Jesus verschied, zerriss der Vorhang, der im Tempel das Heiligtum vom Allerheiligsten abtrennte, von oben bis unten in zwei Stücke. Darin erkennen wir ein Zeichen Gottes, dass an die Stelle des Opferdienstes im Tempel nunmehr das Opfer Christi getreten war und dadurch der Zugang zur Gnade für alle geöffnet wurde. Damit war das Alte Testament erfüllt. Die Zeit der Gnade war da, die Macht des Teufels gebrochen. Jesus Christus hatte den Sieg errungen! Frei ging er in die jenseitige Welt und predigte den Toten. Apostel Petrus berichtet, dass der Herr zu denen ging, die zu Noahs Zeit nicht glaubten (vgl. 1. Petrus 3,18-20; 4, 6).

Am Abend kam Joseph von Arimathia, ein reicher Mann, der dem Hohen Rat angehörte, aber in die Verurteilung Christi nicht eingewilligt hatte, und ging zu Pilatus. Er bat den Statthalter um den Leichnam Jesu. Pilatus verwunderte sich, dass Jesus schon tot sei. Nachdem er sich bei dem Hauptmann vergewissert hatte, gestattete er Joseph, den Herrn zu begraben. Joseph von Arimathia hatte für sich ein neues Grab in Felsen aushauen lassen. Dorthin brachte er den Leichnam. Nikodemus, der einst vom Herrn über die Wiedergeburt aus Wasser und Geist belehrt worden war (vgl. Johannes 3, 5), brachte teure Salbe, und Joseph kaufte Leinwand. Dann nahmen die beiden den Leib, Salbe und Gewürze und wickelten ihn entsprechend der jüdischen Sitte in Leinenbinden. Anschließend legten sie ihn in das Grab und wälzten einen großen Stein davor. Selbst jetzt, da Jesus Christus gestorben war, fürchteten sich die Hohenpriester immer noch.

Am nächsten Tag gingen sie mit den Pharisäern zu Pilatus und sagten: "Herr, wir haben daran gedacht, dass dieser Verführer sprach, als er noch lebte: Ich will nach drei Tagen auferstehen. Darum befiehl, dass man das Grab bewache bis an zum dritten Tag, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten, und der letzte Betrug ärger wird als der erste." Der Statthalter bewilligte ihnen ihren Wunsch und wies ihnen Soldaten zu. Gemeinsam gingen diese mit den Hohenpriestern und Pharisäern zum Grab, versiegelten den Stein und bewachten die Gruft.

Aber Gottes Ratschluss kann durch menschliche Maßnahmen nicht aufgehalten werden - damals nicht und heute auch nicht. Und so wie damals auf den Karfreitag Ostern folgte und Jesus Christus von den Toten auferstand, so wird an dem Tag, den Gott in seinem Plan vorgesehen hat, alles Leiden seiner getreuen Kinder mit der Ersten Auferstehung enden.

Wozu musste Jesus Christus leiden und sterben?

Wenn wir das Leiden des Herrn, wie es in den Berichten der Evangelien beschrieben ist, in allen Einzelheiten auf uns wirken lassen, dann erheben sich die Fragen: Wozu musste er dies alles auf sich nehmen? Aus welchem Grund musste er denn sterben? Das Leiden und Sterben Christi war nach Gottes Willen erforderlich, um Versöhnung zwischen Gott und den Menschen zu bewirken sowie um die in Sünde gefallenen Menschen vom Fluch der Sünde und ihrer Folge, dem Tod, zu erlösen. Durch seinen Opfertod brach Jesus Christus die Macht Satans und überwand den Tod (vgl. Hebräer 2, 14). Gott hatte aus Liebe seinen Sohn Mensch werden lassen und auf die Erde gesandt. Jesus Christus hat allen Versuchungen Satans widerstanden und konnte so als Sündloser die Sünde der ganzen Menschheit auf sich nehmen und durch sein Blut ein Verdienst erwerben, aus dem alle Sündenschuld bezahlt werden kann. Der Sohn Gottes erfüllte diesen Auftrag aus freiem Willen in göttlicher Liebe, um so die Menschen vom ewigen Tod zu erlösen und den Weg zu bahnen, der in die Gemeinschaft mit Gott und somit zum ewigen Leben führt.

Bereits im Alten Testament lesen wir im Buch des Propheten Jesaja von einem Knecht Gottes, der leiden werde, und diese Hinweise meinen niemand anderen als den Herrn Jesus. Beim aufmerksamen Lesen dieser Worte fallen viele Parallelen zum Leiden und Sterben des Herrn auf, und es tritt deutlich hervor, dass er nicht nur körperlich litt, sondern vielmehr unter der Sündenlast aller Menschen unsägliche Schmerzen in der Seele erduldete. Lesen wir selbst, was in Jesaja 53, 4-8 und 11. 12 steht: "Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, tat er seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweg genommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volkes geplagt war. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleich gerechnet ist und er die Sünden der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten."

Es sollen hier nicht alle weiteren Stellen aus dem Alten Testament angeführt werden. Doch eine sei noch erwähnt, jener Fluch Gottes über die Schlange, in dem Gott sagte: "Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen" (1. Mose 3, 15). In den 24 Stunden eines einzigen Tages, des Karfreitages, hatten sich diese und viele weitere göttlichen Hinweise erfüllt, die im Laufe von vielen hundert Jahren gegeben worden waren.

Auch aus dem Neuen Testament sollen nur einige Bibelworte herausgegriffen werden, die den tiefen Sinn des Karfreitagsgeschehens beleuchten. Lassen wir als erstes Apostel Petrus zu Wort kommen: "...da Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen; er, der keine Sünde getan hat und ist dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden ihr seid heil geworden" (1.Petrus 2, 21-24).

Wie sehen wir Karfreitag - was bedeutet er für uns?

Karfreitag ist für uns ein Feiertag, an dem wir in tiefer Dankbarkeit und Demut des Opfers Christi gedenken, dessen, der sein unschuldiges Leben für uns in den Tod gegeben hat, damit wir, die sündigen Menschen, dem Tod entrissen werden und ewiges Leben bei Gott erhalten können. Dieser Tag erinnert uns an ein heilnotwendiges Geschehen und ist uns deshalb ebenso heilig wie Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt oder Pfingsten. Karfreitag bedeutet nicht einen Rückblick, der sich auf Buße und Reue beschränkt; vielmehr nehmen wir auch an diesem Tag in der Gemeinschaft - wie an jedem Sonntag - dankbar das Verdienst Christi in Anspruch.

(aus: © Unsere Familie, "Lehre und Erkenntnis" Bd. I, Verlag Bischoff Frankfurt)