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Auf dem Weg zur Neuapostolischen Kirche (5): Die Lehrzeit der Apostel

18.04.2013 Von: Manfred Henke

Zwölf Männer haben ihre Aufgabe, als Apostel des Herrn zu dienen, im Glauben ergriffen. Doch dienen sie erst einer eher kleinen Schar von Gläubigen. Bis zu ihrer Aussendung suchen sie Klarheit über den Weg der künftigen Kirche.

Auf die Geistesgaben in Schottland und England folgten seit 1832 das Wirken des ersten Apostels und weitere Apostelrufungen. Ein vorläufiger Höhepunkt wurde mit der Aussonderung der Zwölf am 14. Juli 1835 erreicht. Danach zogen diese sich nach Albury zurück. Dafür gaben sie ihre Berufe auf, verließen die gewohnte Umgebung und richteten sich mit ihren Familien in leer stehenden Landarbeiterkaten auf dem Landgut von Henry Drummond ein.

Propheten sollen Bibel aufschließen

Es war eine Zeit der Vorbereitung auf den eigentlichen Auftrag. Die Apostel glaubten, dass Gott ihnen durch die zu ihrer Hilfe ordinierten Sieben Propheten und insbesondere durch Taplin als deren „Pfeiler“ große Geheimnisse offenbaren wollte, die noch in den Worten der Bibel verborgen waren. So saßen sie am 1. Januar 1836 in Drummonds Bibliothek zusammen. Vor ihnen lag der Schöpfungsbericht, und Tag für Tag lasen sie ein weiteres Kapitel der Heiligen Schrift.

Sie waren überzeugt, dass Gottes Handeln immer nach demselben Muster verläuft – bei der Schöpfung, in der Geschichte der Erzväter, im Volk Israel. Und nach denselben Mustern wolle Gott auch ihre Tätigkeit lenken.

Apostel sollen aus Babylon führen

Im Laufe dieser prophetischen Bibelauslegung entstand ein überwältigendes Bild der zukünftigen Kirche. Alle Weissagungen gingen von dem Gedanken aus, dass Babylon für die Kirche im Zustand der Verwirrung und Uneinigkeit steht. Die Apostel sollten die Christenheit aus Babylon herausführen, damit Jerusalem wieder erbaut werden konnte. Dies wurde so gedeutet: Nach dem Fall des geistlichen Babylons sollte aus allen Ländern und Konfessionen der Christenheit ein einheitliches und auch zahlenmäßig gewaltiges Werk unter Aposteln entstehen.

Gemeinden mit 3000 Gläubigen erwartet

Im siebenarmigen Leuchter, wie er in der Stiftshütte stand, sah man das Vorbild für den Amtskörper einer Gemeinde. Demnach sollte eine vollständig mit Ämtern versehene Gemeinde neben dem Engel und seinem Stellvertreter sechs Älteste haben, die wiederum jeweils einen Helfer hatten. Hinzu kamen 36 Priester, insgesamt also 50 priesterliche Amtsträger – je einen auf mindestens 50 erwachsene Gemeindemitglieder. Die Mindestgröße einer Gemeinde unter ihrem Engel war also auf 2.500 erwachsene Mitglieder berechnet, eher rechnete man mit 3000. Jeder Engel einer Hauptgemeinde sollte zusätzlich vier ähnlich großen „Horngemeinden“ vorstehen.

Überschlägt man die erwartete Mitgliederzahl der Sieben Gemeinden in London mit jeweils vier Horngemeinden kommt man insgesamt auf ungefähr 100.000 erwachsene Mitglieder. Das entsprach ungefähr einem Zehntel der damaligen Londoner Einwohnerschaft. Ähnliche Zahlenverhältnisse erwartete man überall im Land.

Jeder zehnte Christ unter Aposteln

Die gewaltigen Dimensionen des künftigen Werkes standen in Übereinstimmung mit der damaligen Deutung des elften Kapitels der Johannes-Offenbarung. Die Gemeinden, so meinte man, seien die Zwei Zeugen, deren Wirken dort beschrieben ist. Nach der ersten apostolischen Zeit seien die zwei Zeugen demnach „erschlagen“ worden, jetzt, nach Ablauf der 1260 Jahre, in der die wahre Kirche unsichtbar blieb, war die Zeit ihrer Auferstehung gekommen. Bald würde der Zeitpunkt kommen, an dem (nach Offb 11,13) ein großes Erdbeben geschehen und der zehnte Teil der großen Stadt, des geistlichen Babylons, einstürzen würde. Das hieß nach damaligem Verständnis: Ein Zehntel der Christenheit würde die Kirche unter Aposteln bilden. Dafür galt es Vorsorge zu treffen.

Zwölf Apostel und ihre Helfer

Aus der Völkertafel in 1. Mose 10 und dem darauf folgenden Bericht über die Sprachenverwirrung beim Turmbau zu Babel wurde gefolgert, dass es in der Christenheit zwölf Stämme und 70 Völker gebe. Zu jedem der „Stämme“ sollte ein Apostel gesandt werden. Angesichts der erwarteten großen Ausbreitung des Werkes sollten die Apostel (deren Zahl man auf jeweils zwölf gleichzeitig amtierende Männer beschränkt sah) von insgesamt 70 „apostolischen Delegaten“ unterstützt werden. In diesen Siebzig sah man Abgesandte der Zwölf. Das biblische Vorbild fand man in Timotheus und Titus. Diese seien solche „apostolischen Delegaten“ gewesen, die im Auftrag des Paulus versiegelten, Ordinationen durchführten und die Kirche „regierten“. Solche Amtshandlungen waren nur gültig, weil die Vollmacht dafür vom Apostel verliehen wurde. Sie waren gewissermaßen „Hilfsapostel“, die nicht ohne Auftrag des zuständigen Apostels handeln konnten.

Direkt den Aposteln sollten außerdem insgesamt 60 „Evangelisten an die Nationen“, zwölf Propheten, zwölf Evangelisten und zwölf Hirten beigeordnet werden. Eine besondere Stellung direkt unter der Gesamtheit der Apostel hatten bereits die Engel der Sieben Gemeinden in London. In Zukunft sollten noch jeweils zwölf Engel in jedem der zwölf Stämme hinzukommen, und diese 144 Engel sollten unter Leitung der Apostel den Rat von Jerusalem bilden.

Bald müssen sich die Christen entscheiden

Noch allerdings gab es nur die zwölf Apostel und einige wenige Amtsträger der allgemeinen Kirche, die sie in ihrer Arbeit für die Gesamtkirche unterstützen konnten. Aber schließlich befanden sich die Apostel nach eigener Auffassung in der Vorbereitungszeit vor der Aussendung und hatten gar nicht das Recht, alle wahren Christen und die treuen Geistlichen zum Auszug aus dem geistlichen Babylon aufzufordern.

Diese Auffassung vertraten sie auch in einer Zeugnisschrift, die sie 1836 fertig stellten. Sie ist als „Testimonium“ bekannt und wird im nächsten Artikel dieser Serie ausführlicher vorgestellt.

Entrückung oder Feuer der Trübsal

Die Apostel und ihre Mitstreiter waren kirchlich und politisch konservativ gesinnt. Sie selbst wollten die bestehenden kirchlichen und gesellschaftlichen Ordnungen nicht zerstören, sahen sie aber dennoch wegen der Sünde ihrer Träger zum Untergang verdammt. Ungefähr gleichzeitig mit der Aussendung der Apostel würden die Mächte der Revolution, die in der großen Französischen Revolution zwischen 1789 und 1815 den Sturz vieler Monarchen und Kirchenfürsten herbeigeführt hatten, das Werk der Zerstörung aller Bindungen an die alten Ordnungen verrichten. Es würde dann einen kurzen Zeitraum geben, in dem sich der getreue Überrest aus der Christenheit um die Apostel scharen würde. Anschließend würde der Antichrist in der Zeit der großen Trübsal die Weltherrschaft übernehmen.

Die von Aposteln Versiegelten würden als Erstlinge der Ernte vor jener Trübsal bewahrt. Andere, die die Apostel nicht annehmen konnten, würden durch das Feuer der Trübsal geläutert werden und nach dem Gericht über den Antichrist die große Ernte bilden. Im mosaischen Gesetz findet man die Vorschrift, dass vor der Einbringung der Kornernte Erstlingsähren zu opfern sind. Hierin sah man die Unterscheidung vorgebildet, die in der Offenbarung (Kapitel 7 und 14) zwischen den 144.000 versiegelten Erstlingen und der unzählbaren Schar gemacht wird, die aus der großen Trübsal kommt.